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Archiv für den Monat August 2006

Ich werde beobachtet …

Eigentlich glaub ich ja nicht an so einen Schnulli, aber ich beobachte es schon seit Tagen – mehr so aus Langeweile im Büro – und stelle jedes mal mit Erschrecken fest: Ich werde beobachtet!!!

Und ich glaube, das, was mich da beobachtet, ist mein Horoskop!

Wie widerlich ist das denn bitte?

Hat man denn nie seine Ruhe?

Allerdings hab ich da keine Zweifel mehr dran. Begucken wir uns doch mal den vergangenen Donnerstag – der beweist es eindeutig.

Morgens sind Sie noch ziemlich gut drauf und bestens motiviert.

Jahaaaaa *sing und vor Freude hüpf*

BINGO!!!

Volltreffer!!!

Mein letzter Arbeitstag liegt vor mir – ab morgen hab ich endlich Urlaub.
Ich komme zwar nicht ganz so schwungvoll aus meinem Bett (na ja, es ist auch mehr ein Lattenrost, auf dem eine Matratze liegt, aber egal, ich schlafe da drin, also ist es auch mein Bett), aber was soll’s. Ich bin ja nun auch nicht mehr die jüngste und ein Morgenmuffel obendrein.

Die Lebensgeister kehren zurück als ich so an meinem Tisch hocke, meinen allmorgendlichen Latte Macchiato schlürfe – meine geliebte Krups, was wäre ich nur ohne dich, du bist mein bestes Stück – und mir die Nachrichten aus aller Welt anhöre. Eigentlich sind es im Moment keine guten News, aber egal – tirili tirila – mich kann heute nichts erschüttern.
Ich sitze meine paar Stunden im Büro ab, mach noch ein paar Vorbereitungen für meinen Kollegen, der mich während meiner Abwesenheit vertritt, begleiche – wenn erforderlich – noch ein paar Rechnungen, schaue dann ein wenig dem Treiben im Chat zu und warte sehnsuchtsvoll, dass der Feierabend sich nähert.

Ein guter Plan für den letzten Tag vorm Urlaub – so soll es sein.

Packen Sie deshalb alles, was noch erledigt werden muss, rechtzeitig an.

Ja doch, hab ich doch gesagt, dass ich nicht ganz untätig sein werde. Also los jetzt, zu spät sollte ich nicht im Büro erscheinen – ich mag zwar nicht, aber was muss, das muss.

Ich tänzel also gut gelaunt, Lieblingslieder summend, mit einem Strahlen im Gesicht über die Flure bis ich mein Büro erreiche, öffne die Bürotür – diesmal wirklich schwungvoll – und schleudere meinen Kollegen ein fröhlich singendes „Moihoin!“ entgegen.

Und was bekomme ich zurück?

„Du, da hat grad einer deiner Mieter aus Berlin angerufen, Namen hab ich mir nicht gemerkt, aber der ruft eh gleich wieder an! Er hat gestern beim Radfahren seinen Schlüssel verloren und braucht einen neuen.“

*klatsch* Willkommen im alltäglichen Bürowahnsinn! Die Realität kommt plötzlich und überfallartig.

Na prima! Hab ich jetzt dieses „Guten Morgen, liebe Ly! Wir heißen dich unseren heiligen Hallen zu deinem letzten Arbeitstag vor deinem wohlverdienten Urlaub, den wir dir alle von Herzen gönnen, ganz herzlich willkommen. Setz dich nur erst mal in aller Ruhe, wir haben schon ein Käffchen gekocht! Hast du auch gut geschlafen?“ überhört?

Und überhaupt, was fährt dieser Dödel gestern Rad, hat der nix besseres zu tun. Wozu gibt es in Berlin öffentliche Verkehrsmittel. Und diese Schlüsselbänder, mit denen heute wirklich jeder rum rennt, wurden für Typen wie den erfunden!

Na gut! Hilft ja nix – Job ist Job, warum sollte es heute anders sein?

Erst einmal tief Luft holen und langsam den Rechner hochfahren.

Langsam kann der aber schon von ganz alleine

*dumdidum* Ah guten Morgen, mein geliebter Rechner. Hast du gut geschlafen. *mit Fingern auf der Tischplatte trommel*

Mach mal bissel hinne jetzt, ich hab nicht ewig Zeit. Das ging auch schon mal schneller!

Ach wir haben die Software aktualisiert?! Wie schön! Ich freu mich für dich!

Wir müssen neu starten?! Aber gerne doch, für dich tu ich alles! (Und bald bekommst du von mir einen Gratisflug aus dem Fenster.)

Gut dann starten wir mal neu – warum auch nicht, ich hab ja sonst nix zu tun – der Mieter, dessen Namen ich noch immer nicht weiß (hoffentlich ist es nicht DER Mieter – pah, DER bekommt auch keinen neuen Schlüssel mehr, zieht eh im September aus *freu*) ruft ja nur gleich noch mal an und ich hab noch keine Ahnung, wo ich einen neuen Schlüssel herbekommen soll und die Telefonnummer desjenigen, der es weiß, ist auf der Festplatte.

Na ja egal – gieße ich mir erst mal (selbst) einen Kaffee ein!

Wie war das noch mal?

Morgens sind Sie noch ziemlich gut drauf und bestens motiviert.

Davon merk ich nichts mehr. Meine Motivation ist auf dem Nullpunkt und „gut drauf“ nenn ich was anderes.

Apropos gut drauf?
Wann hatte ich eigentlich das letzte Mal Sex? *überleg*
Gestern, oder?

Boah nee… ich meinte Sex, du dämliches Hirn, nicht diese Playing-with-myself-Nummer.

Dieser Zustand ist auf Dauer aber auch nicht gerade erstrebenswert. Ich sollte da dringend was dran ändern.

Leichter gesagt als getan – wie denn?

John– genau John– irgendwo muss ich seine Telefonnummer haben. Ob ich den mal wieder anrufe? *schmunzel* – der würde sich diese Frage sicher nicht stellen, sondern es tun.

Aber will ich das?

Ach menno, ich hasse diese kleinen Nümmerchen zwischendurch, aber geschenkt will ich John nun auch nicht grad haben.

Ah inzwischen spricht mein Rechner wieder mit mir – was man von meinem netten sympathischen Kollegen am anderen Ende der Telefonleitung nicht sagen kann, der spricht nämlich gar nicht mit mir, weil er noch nicht im Büro ist.

Was bildet der Kerl sich ein?
Morgens halb zehn in Deutschland und der ist noch nicht im Büro.
Na ja, vermutlich mit dem Fahrrad im Berliner Berufsverkehr stecken geblieben.
Vielleicht findet er ja den Schlüssel des noch immer namenlosen Mieters, dann haben wir ein Problem weniger.

Gut, weiter im Text, hier komm ich im Moment eh nicht weiter.

Wer ist denn heute morgen so alles schon online und hat im Büro nichts zu tun?

Was war das? War das jetzt etwa mein Name, den ich da vernommen hab?

Ly, ja das bin dann wohl unverkennbar ich.

Ich blicke über meinen Rechner und mein Kollege spricht zu mir.
Was will der denn jetzt von mir? Ich hab doch keine Zeit.

Hm, ja, bin ich erst nächsten Freitag wieder da.

Ja, die Betriebskostenabrechnung für Berlin könntest du machen – die Unterlagen hast du doch schon seit vorgestern. Gibt’s da Fragen?
(Stell mir jetzt bloß keine Fragen, Alter, ich hab eigentlich schon Urlaub.)

Boah, ja doch. Ich weiß, dass die wegen der unterschiedlichen Abrechnungszeiträume und dem Mist, den mein Vorgänger letztes Jahr fabriziert hat, kompliziert ist.

Ja und? Ich weiß auch nicht, wie wir die Abrechnungszeiträume endlich stimmig hinbekommen können. Was meinst du, warum ich die bis jetzt vor mir hergeschoben hab?!
Hast du mal den Chef gefragt?

Bist du dir sicher, dass wir stören können, weiß der schon, dass wir ein Problem haben und von Ihm eine Entscheidung wollen?
(*heul* mit so was wollte ich mich heute nicht beschäftigen)

Nein?! Es ist aber erst 10 Uhr – meinst du, der hat seine Morgenpost schon ausgelesen?

So langsam weiß ich auch, was mein Horoskop meinte, als es sagte:

Im Laufe des Tages fällt das Stimmungsbarometer ein wenig. Dann kommen Sie unnötig in Stress und werden nervös.

Sag mal, hat der heute Sabbelwasser getrunken? Der redet und redet und redet.

Moment, wie hieß es doch gleich weiter in meinem Horoskop? *blätter*

Beugen Sie also vor und sorgen Sie damit dafür, dass Ihnen nicht noch der Tag verdorben wird.

DAS ist die Lösung!

Na gut … gib mir 10 Minuten. Mein schlüsselloser Mieter will noch anrufen.

Ich hab es dann tatsächlich doch noch geschafft, aus den 10 Minuten eine knappe Stunde zu machen, aber drum herum komm ich nicht.

Ob ich will oder nicht, ich musste mit meinem Kollegen zu Stadler und Waldhof – sozusagen in die Höhle des Löwen.

(Für alle, die mit Stadler und Waldhof nichts anzufangen wissen – ihr seid vermutlich zu spät geboren, denn die beiden besserwissenden Greise in der Loge der Muppets-Show kennt doch jeder. Gut, die wenigsten wissen, wie die heißen, aber die wenigsten arbeiten auch da, wo ich arbeite.)

Genauso müsst ihr euch meinen Chef und seinen “Beisitzer“ vorstellen.
Stadler und Waldhof!

Wenn man die Tür öffnet, weiß man nie, was einen für ein Anblick erwartet.

Ich wartete immer auf den Tag, an dem ich voller Entsetzen den Anblick bekäme, der sich mir heute – ausgerechnet heute – bot.

Es öffnet sich ein Büro von etwa 20 qm Größe, in der Mitte stehen zwei Schreibtische – die Bildschirme darauf Rücken an Rücken.

Stille!

Allmählich gewöhnt man sich daran und vernimmt ein leise röchelndes Geräusch … gleichmäßiges tiefes Atmen mit einem leichten Anflug eines sanften rhythmischen Schnarchens.

Auf leisen Sohlen trete ich näher.

Am vorderen Schreibtisch liegt Stadler nach vorn übergebeugt mit dem Kopf auf der Tastatur wie in Mutters Schoß gebettet – ein leicht geöffneter Mund, aber ein friedvoller Gesichtsausdruck bei geschlossenen Augen.

Am hinteren Schreibtisch sitzt ein anderes etwas weit zurückgelehnt, die Hände betend über dem Bauch zusammengefaltet, den Kopf weit im Nacken, den Oberkörper noch weiter im Bürostuhl zurück gelehnt. Das Gesicht ist verdeckt von der heutigen Ausgabe der Morgenpost.

Da!

Das Blatt hebt sich kurz und lässt einen Blick auf das Angesicht erhaschen. Das Blatt hingegen senkt sich wieder, noch bevor man das Angesicht darunter hätte erkennen und zuordnen zu können.

Da!

Das Blatt – Es hebt sich wieder! Ich sehe genauer hin! Tatsache! In einem Bruchteil einer Sekunde konnte ich ihn tatsächlich erkennen – es ist Waldhof – mein geliebter Chef!

Und zu dem wollten wir eigentlich.

Ich sehe meinen Kollegen etwas irritiert und unsicher an. Es ist doch gleich halb zwölf – Essenszeit – und die schlafen?

Meinst du, wir können sie stören? Jetzt?

Nee, hast recht, wir machen das nach dem Essen! Aber gleich nach dem Essen, sonst erwischen wir sie nicht mehr oder sie sind wieder in diese seltsame Körperhaltung gefallen.

Ja was weiß ich denn, wie wir das mit der Abrechnung jetzt machen. ICH entscheide das nicht. Das müssen DIE machen!

Mach was du willst, ich muß zurück an meinen Platz, der noch immer namen- und schlüssellose Mieter hat noch nicht angerufen und mein netter Kollege, der den Radweg nicht findet, sollte auch noch zurückrufen.

Boah nee, im Chat ist heute aber auch nix los. Was machen die denn alle? Arbeiten die etwa?

Na gut, was soll’s, noch hab ich keinen Urlaub, werde ich also auch noch ein bissel was tun.

Womit fang ich an?

Rechnungen wollte ich noch begleichen.

Ein Blick in meinen Posteingangskorb verrät mir: Keine Rechnungen da.

Ach ja, die regelmäßigen Rechnungen hab ich neulich ja schon als Dauerbelege eingerichtet, um die Zeit rumzubringen. Kein Wunder, dass ich in der Folgezeit damit keine Arbeit mehr habe. Ist schon doof von mir gewesen – eigentlich hab ich mich da meiner eignen Arbeit beraubt.

Ah, welch seltener Klang – das Telefon.

*freu* mein Kollege in Berlin hat den Weg ins Büro nun doch gefunden.

Ich schildere ihm kurz den Sachverhalt, und die Lösung ist gefunden.

Jetzt muß ich nur noch herausfinden, welcher meiner Mieter denn nun Rad fährt und dabei seine Schlüssel verschlust.

Auch das löst sich nach einem kurzen Klingeln des Telefons – boah den Namen hab ich schon mal gelesen, aber zu tun hatte ich mit dem auch noch nichts, aber klingt nett und ziemlich erleichtert über meinen Lösungsvorschlag – klar, für ihn entstehen keine Kosten. Gut, um den Briefkastenschlüssel kann er sich alleine kümmern, nicht mein Bier.

Kurzer Rückruf bei meinem Kollegen in Berlin, dass er sich jetzt ans Werk machen kann, das Schloss auszuwechseln.

Ich gebe ihm den Namen durch und bin etwas irritiert von dem plötzlichen Schweigen am anderen Ende der Leitung.

„Hallo? Noch wer da?“

Vom anderen Ende vernehme ich ein ungewohnt leises und zögerliches:

„Ja.“

Was is denn nun los? *stutz*

„Frau Ly?“

„Ja?“

„Sind wir unter uns?“

Ach herje, was kommt den jetzt?

„Naja, wenn unsere Leitung nicht angezapft wurde, sind wie so alleine wie man bei einem Telefonat sein kann, oder?“

„Das ist … na ja, wie soll ich das jetzt sagen … ein schwules Pärchen.“

Klingt jetzt beinahe wie eine Lebensbeichte! Mein Gott, wo ist denn da das Problem, das sind Mieter, da ist mir die sexuelle Ausrichtung doch so was von egal, solange sie ihre Miete pünktlich bezahlen.

„Echt? Und gibt es da jetzt ein Problem mit?“

„Naja, mir ist da schon ein wenig komisch, wenn ich dahin gehe, nicht dass der gleich über mich herfällt.“

Bitte?

Das ist jetzt ein Scherz, oder?

Ich fass das nicht!

Sind die in Berlin eigentlich alle so bekloppt?

Obwohl, wenn ich mir meinen Kollegen so recht betrachte … vielleicht hätte ich an seiner Stelle auch Schiss. Wenn der mal nicht auch … Aber dann dürfte er doch auch kein Problem haben.
Und überhaupt, seit wann fallen Homosexuelle über jeden Gleichgeschlechtlichen her, der ihnen übern Weg läuft. Ich vernasche doch meinen Postboten auch nicht in regelmäßigen Abständen, nur weil ich heterosexuell bin.

Ach nee, das ist ja auch ne Frau.

„Wie meinen Sie denn das jetzt? Soll ich jetzt extra nach Berlin kommen und das Schloss austauschen? Der klang so nett, der wird Ihnen schon nichts tun.“

Ich glaub ja immer noch, dass das jetzt ein Scherz war.

„Nein, ich bekomm das schon hin.“

Die Antwort kommt aber schon mit ziemlich leiser Stimme.

Boah nee, ich glaub, dem war es jetzt ernst damit. Egal! Nicht mehr mein Problem.

Mittagspause!

Stadler und Waldhof laufen uns in der Kantine übern Weg. Sehen eigentlich grad ganz munter aus, die beiden Kerlchen. Wir wittern unsere Chance und kündigen unser Kommen an.

Das Abrechnungsproblem ist dann auch geklärt – na ja, noch nicht geklärt, aber die Marschroute steht fest.

Für mich gibt’s heute eigentlich nichts mehr zu tun.

Die Anweisungen an meine Vertretungen dauern eine Zigarette.

Außer aus Berlin kann nichts kommen und die können auch mal eine Woche warten.

Ich glaube, ich mache heute früher Schluss – hab noch genug Gleitzeitstunden auf dem Konto, die ich opfern könnte.

Wer weiß, wenn ich bleibe, fällt in Berlin vielleicht wieder das Warmwasser aus, oder die Handwerker haben wieder irgendwelche Nägel bei einem Mieter vor der Tür verloren, der dann gleich Terrorwarnung auslöst.

Also nichts wie weg hier!

Und mein Horoskop?

Über den weiteren Verlauf des Tages schweigt es sich aus.

Na das nenne ich mal super Aussichten!

Ruhe, endlich Ruhe!!!

Es passiert heute nichts mehr und morgen hab ich Urlaub!!! *tänzel

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