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Archiv für den Monat November 2006

Eine kleine Buchempfehlung für die kalte Jahreszeit

„Liebe nennen wir jenes extreme Gefühl, das von der Zuneigung zur Leidenschaft führt und von der Leidenschaft zur Abhängigkeit; es versetzt das Individuum in einen rauschhaften Zustand, der zeitweise die Zurechnungsfähigkeit des Betroffenen, des Getroffenen einzuschränken vermag: Ein Glück ist es, das Leiden bereitet, und ein Leiden, das den Menschen beglückt.“

~ Marcel Reich-Ranicki ~ Mein Leben ~

Ein Buch, dass es nach meinem bescheidenen Dafürhalten unbedingt verdient, gelesen zu werden.

Ich selbst lese es mittlerweile zum zweiten Mal – was mir bei einem Buch höchst selten passiert – und bin erstaunt, wie sehr es mich wieder in seinen Bann zieht, wie sehr es mich ergreift und doch auch amüsiert.

Ich hatte beim Literaturpapst weit ausschweifende Exzesse in Worten und Gedanken, denen ich nicht zu folgen vermag, erwartet.

Diese Erwartung wurde enttäuscht.

Ich habe ganz andere Dinge gefunden, die mich tief berührten und meine Erwartungen am Ende mehr als übertrafen.
Wortwitz, Amüsement, Zärtlichkeit, Sensibilität, Stille und Nachdenklichkeit.
Aber auch Ergriffenheit, Grausamkeit, Sprachlosigkeit, Fassungslosigkeit und Hilflosigkeit.

Der Spiegel schrieb: „Es ergreift durch die tonlose Stille des Entsetzens, durch subtile Andeutungen, polemisches Verschweigen, durch Lakonik und Zärtlichkeit …“

Ja!

Die FAZ schrieb: „Reich-Ranicki hat eine der schönsten Liebesgeschichten dieses (des letzten) Jahrhunderts geschrieben.“

Liebesgeschichte?

Liebesgeschichte klingt zu platt für das, was es ist, aber um dabei zu bleiben: Es sind Liebesgeschichten!

Die Geschichte einer tiefen Liebe zwischen zwei Menschen, die im Warschauer Getto unter dem erhängten Vater seiner späteren Frau beginnt – tagtäglich überschattet von den Judendeportationen und der Angst, dieses Grauen nicht zu überleben – und bis ins hohe Alter verbindet; eine Liebe, die geprägt ist von so viel Gefühl, Verständnis, Tiefe und der Macht des gemeinsam Erlebten und Überlebten.

Die Geschichte einer tiefen Liebe zur Literatur und Musik, die schon in Kindheitstagen geweckt, durch besondere Erlebnisse geprägt und verankert und mit so viel Feinsinnigkeit erzählt wird.

Die Geschichte einer tiefen Liebe zu vielem und letztlich eine tiefe Liebe zum Leben.

„Jude und doch kein Jude – ein Mensch.“ So definiert sich Reich-Rancki auf die Frage, wer oder was er sei.

Ein Mensch!

Einen Menschen habe ich in diesem Buch entdeckt.

Ich habe mich darauf eingelassen, meine Vorurteile beiseite zu schieben und hinter die mediengeformte Fassade eines Menschen zu sehen, und was ich gefunden habe, ist nicht der unnahbare arrogant wirkende und mit seiner Meinung über allen anderen Meinungen stehende Literaturpapst, den wir alle aus dem Literarischen Quartett kennen.

Ich habe einen Menschen gefunden!

Einen Menschen, den seine Geschichte geprägt hat.

Und ich denke, das war das größte Geschenk, was mir dieses Buch bereitet hat – zu sehen und zu lernen, dass hinter jeder Fassade ein Mensch zu finden ist.

Nichts weiter als ein Mensch!

Und doch ein Mensch!

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Verfasst von - 13. November 2006 in Literatur

 
 
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