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Archiv für den Monat September 2007

Nur die Harten kommen in den Garten

Gestern sagte eine liebe Bekannte zu mir:

„Endlich geht es mir wieder gut
und ich muss mich nicht mehr verstellen.
Ich kann wieder so sein, wie ich wirklich bin.“

Das hat mich nachdenklich gemacht.

Müssen wir uns eigentlich immer verstellen?

Müssen wir vorgaukeln, dass es uns gut geht, auch, wenn es tief in uns drin ganz anders aussieht?

Ich meine, so als Zwilling ist das ja ganz normal – zumindest werden uns die zwei Gesichter ja immer unterstellt und meistens schwingt dabei unterschwellig der Vorwurf der Unehrlichkeit und Hinterhältigkeit mit.

Im Beruf wird es erwartet und das ist auch ganz richtig so – persönliche Unpässlichkeiten haben im Job auch nichts zu suchen – im Job gilt Professionalität. Aber Dienst ist Dienst und privat ist privat. Wir sprachen ja auch nicht über den Dienst.

Im privaten Kreis – unter Freunden, in der Familie – sollte es doch schon möglich sein, sein wahres Gesicht, seine Gefühle zeigen zu können.

Ja, es sollte!

Theorie und Realität driften aber auch im privaten Umfeld oft weit auseinander.

Wie oft habe ich als Kind von meiner Mutter gehört: „Kind, mach ein anderes Gesicht!“ In den schlimmeren Momenten kam von meinem Vater ein: „Sonst setzt es was!“ hinterher.

Ich hab es also schon als Kind gelernt, gute Mine zu bösem Spiel zu machen. Für mein Umfeld war es auch einfacher. Das Kind hat funktioniert, und da es lacht (zumindest lächelt), muss man sich auch nicht weiter mit ihm und seinen Problemen auseinandersetzen.

Ja, ein Ly war ein herrlich unkompliziertes Kind, weil es so perfekt funktioniert hat.

Und als ich dann aufhörte zu funktionieren, begannen die Probleme.

Nein eigentlich begannen sie da noch nicht – für die anderen zumindest nicht.

Ly ist nicht normal! (Es ist ein sehr erhabenes Gefühl, so etwas aus dem Mund des eigenen Vaters zu hören)

Einfache Diagnose – muss man sich auch nicht weiter mit auseinander setzen.

„Kind, du bist eine Schlag. Du bist stark. Du schaffst das schon. Du hast es ja immer geschafft.“

Ja, ich habe es immer geschafft.

Nur die Harten kommen in den Garten.

Irgendwann hab ich dann aber auch die Kraft verloren und ein „Kind, du bist eine Schlag!“ hat mir dann auch nicht weiter geholfen. Ich war nie wirklich stark – ich hab nur immer die Starke gespielt. Jedes Spiel ist irgendwann einmal ausgespielt. Und nur mit einem Ich-mache-ein-anderes-Gesicht war es dann auch nicht mehr getan.

Es hat lange gedauert – es war ein schwerer und schmerzvoller Weg – bis ich mir endlich selbst zugestanden habe, dass ich nicht stark bin und ich auch Schwächen haben und zeigen darf – dass ich kein Verlierer bin, nur weil ich mal nicht stark bin.

Zu erkennen, dass das Zugestehen von Schwächen eine größere Stärke zeigt, als sie zu überspielen, hat dann noch einmal viel Zeit und Kraft gekostet.

Und da begannen die eigentlichen Probleme – ich habe nicht mehr geschwiegen und ein anderes Gesicht gemacht – ich habe meine Schwächen ausgesprochen und ich habe anderen einen Spiegel vorgehalten, habe sie mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten und den Schmerzen, die sie mir damit zugefügt haben, konfrontiert – auch ein Ly ist ja nicht ohne Grund unnormal.

Anfangs hatte ich erwartet, dass es reicht, gewisse Dinge auszusprechen – ich hatte auf Verständnis gehofft und wurde in meinen Erwartungen enttäuscht.

Es tat weh.

Anfangs!

Mittlerweile ist es mir egal (und das ist im Grunde das schlimmste Gefühl, dass man einer Person entgegenbringen kann), ob die andere Seite mich versteht oder zumindest akzeptiert.

Wenn ich also nicht normal bin, dann will ich alles sein – nur eben nicht normal.

Ich kämpfe nicht mehr darum, als das akzeptiert zu werden, was ich bin. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, so lange auf der anderen Seite nicht einmal die Bereitschaft da ist, es zu akzeptieren – ich erwarte ja schon lange kein Verständnis mehr.

Das Kind funktioniert nicht mehr.

Das ist aber auch nicht schlimm.

Immerhin hat man jetzt wieder einen Schuldigen für die eigenen Unzulänglichkeiten gefunden.

Ein Schuldkind – ja, andere kennen das auch.

Ein Freund sagte mir – wenn auch in einem anderen Zusammenhang –

Wer dich so wie du bist nicht will, hat dich anders nicht verdient.

Schuld eigne – nicht meine.

Ich bin nicht immer stark – ich habe auch eine schwache Seite – und ich bin stolz darauf. Denn ich bin keine Maschine – sondern ein Mensch … nur ein Mensch … und doch ein Mensch.

Schwach zu sein und dazu zu stehen hat aber auch manchmal die Konsequenz, dass man ziemlich alleine da steht. Aber auch damit werde ich fertig – ich hab es in 35 Jahren ja ausreichend lernen können, alleine klar zu kommen, alles mit mir selbst auszumachen.

Und doch kommen die Momente, in denen man einfach nur mal aufgefangen werden möchte.

Manchmal reicht es schon, schweigend in den Arm genommen zu werden. Sich anlehnen – mal nicht derjenige sein, an den sich angelehnt wird – sich fallen lassen, seinen Seelenfrieden finden … das alles fehlt manchmal – auch mir.

Nähe zulassen, Vertrauen aufzubauen – das alles fällt so unendlich schwer – mir zumindest. Wie soll es auch leicht fallen, wenn das Urvertrauen erst einmal zerstört wurde.

Und wenn man es dann mal gefunden hat, wenn man die Nähe zugelassen hat, sich getraut hat, Schwäche zu zeigen und sich fallen zu lassen, dann fällt es so unendlich schwer, es wieder loszulassen – denjenigen ziehen lassen zu müssen und wieder alleine da zu stehen.
Dann sind Freunde da und bieten ihren Arm an.

Ich bin froh, dass sie mich mittlerweile so gut kennen und Verständnis dafür aufbringen – es vor allem nicht als persönliche Zurückweisung empfinden – wenn ich in diesen Situationen blocke (ich blocke ja sogar mich selbst und meine Gefühle) und selbst diese Nähe nicht zulassen kann.

Obwohl ich mir den Arm doch auch wünsche, gerade körperlichen Kontakt kann ich dann nicht zulassen, es ist mir einfach zu nah – ich habe es nicht anders (kennen) gelernt. Und es gab in meinem Leben leider auch Menschen – Männer – die mir näher gekommen sind als sie es hätten dürfen („Stell dich nicht so an!“).

Aber meine Freunde wissen auch, dass ich irgendwann von ganz alleine wieder auf sie zukomme – dann, wenn ich wieder zu mir gefunden habe, wenn ich wieder bereit bin, Nähe zuzulassen.

Ich bin froh, dass ich meinen Freunden nichts mehr vorspielen muss.

Sie würden es ohnehin bemerken!

 

Umarme mich
Leg meinen Kopf in deinen Schoß
Beruhige mich
Und lass mich nicht mehr los
Gib mir von deiner Energie
Ich steh als Bettler hier vor dir
Umarme mich
Hol mich in eine andre Welt
Beruhige mich
Sag, dass du zu mir hälst
Gib mir von deiner Energie
Ich steh als Bettler hier vor dir
Umarme mich
Beruhige mich
Gib mir von deiner Energie

 
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Verfasst von - 30. September 2007 in Tagesgedanken

 

Ich hab nur da gestanden, wo die Liebe hinfällt

 


Zwei Monate – und noch immer vergeht kein Tag, an dem ich nicht an dich denke.

In nur zwei Monaten heilen keine Wunden, auch wenn der Schmerz erträglich wird.

Ich werde nicht gehen ohne ein Wort – ich werde nicht schweigen.

Versprechen sind schnell gemacht, wenn die Welt in Ordnung scheint – sie zu halten, wenn Wolken aufziehen, scheint auch dir nicht möglich zu sein. Ich war darauf gefasst – erinnerst du dich?

Ich gebe dir keine Schuld – aber gib du mir auch keine. Die einzige Schuld, die ich trage, ist die, dass ich dich geliebt habe – vielleicht auch nur mehr als du mich.

Ich möchte dich als Freundin nicht verlieren – dazu bedeutest du mir zu viel.

Lippenbekenntnisse, von deren Ernsthaftigkeit ich nichts mehr spüre.

Ich habe dir Lebewohl gesagt – ja, ICH bin gegangen.

Du verstehst mich nicht und kündigst mir die Freundschaft?

Nein, ich brauchte den Abstand, um die Traurigkeit aus meinem Herzen zu bekommen und bat dich um Verständnis.

Du sagtest, du würdest das verstehen – ich glaube nicht, dass du es zu irgendeinem Zeitpunkt getan hast.

Ich bin wieder auf dich zu gegangen – alles, was von dir kommt, ist Schweigen.

Du wolltest mich so wie ich war, bevor der Schmerz mich traf.

Wie kann ich die Zeit dazwischen ausblenden?

Verrate mir, wie ich das schaffe, und ich tue es.

Du kannst es!

Ich kann es nicht!

Es tut mir leid, denn du bedeutest mir noch immer viel.

 

Was du für mich bist
Bin ich nicht für dich
Wie ein Feuer in der Nacht
Leucht’ ich nicht für Dich
Ich hab das alles nicht ausgewählt
Ich hab nur da gestanden, wo die Liebe hinfällt
So wie du für mich scheinst
Schein’ ich nicht für Dich
Meine Wärme erreicht dich nicht
Ich hab meine Ziele nie so hoch gestellt
Ich hab bloß da gestanden, wo die Liebe hinfällt
Dein Herz war gebrochen
Schon vor meiner Zeit
Ich werd nicht die sein,
die’s wieder heilt

Für mich wär’ es besser, dich nicht mehr zu seh’n
Ich bin groß und stark und werd’s übersteh’n
Sag mir, was ich tun soll
Allein in meinem Schiff auf hoher See
Sag mir, was ich tun soll,
Wenn ich untergeh’
Es ist nicht weiter tragisch
Es gibt schlimm’res auf der Welt
Es ist doch nur ein Versprechen,
Das niemand hält
Ich hab mir das alles anders vorgestellt
Ich wird immer da steh’n, wo die Liebe hinfällt

 
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Verfasst von - 29. September 2007 in Tagesgedanken

 

Chefsache

 

Wir sind Kollegen, keine Freunde!

Es geht hier nicht darum,

sich die Haare zu machen

oder gemeinsam seine Tage zu kriegen.

Was die da draußen kapieren müssen ist,

dass ich der Chef bin

 

Bist du überhaupt nicht … nänänänänänänääääääää

Du bist nur die Vertretung vom Chef, so lange der im Urlaub ist. *zungerausstreck*

*jaul* … ich will da nicht mehr hin … zumindest nicht in den nächsten zwei Wochen.

Das ist wieder einmal ausserirdisch, was da zurzeit abgeht *koppschüttel*

Gestern haben wir den ganzen Tag zugesehen (nachdem wir da irgendwie schon seit Wochen drüber brüten, wie wir es am besten machen), dass wir die jeweils erste im Jahr fällige Betriebskostenabrechnung, vor der es jedem, der auch nur irgendwie damit zu tun hat, grault, endlich fertig bekommen.

Mit der Erstellung der Abrechnung an sich hab ich laut Zuständigkeitsregelung ja nur am Rande etwas zu tun (ja klar, ich bin einfach nur zu faul zum Arbeiten und nur deswegen stapeln sich die unerledigten Papierberge seit dieser Zeit auf meinem Schreibtisch). Diese Details auch noch darzustellen, sprengt hingegen jeglichen Rahmen und ist für Außenstehende gleich gar nicht mehr nachzuvollziehen.

Jedenfalls – um auf den Punkt zu kommen – lautete die Anweisung vom Chef:

Die Abrechnung geht nicht raus, so lange sie nicht von ihm frei gezeichnet ist.

Ich hab ja erst gedacht, ich hätte mich verhört, denn derart klare Ansagen bin ich in diesem Haus gar nicht gewöhnt. Mit der Zuständigkeits-, Verantwortungs- und Kompetenzjonglage, die bei uns seit 15 Monaten abgeht, wären wir DIE Hauptattraktion in jedem Zirkus, und ich hab ehrlich gesagt keinen Bock, diese Nummer zu verhauen. Ich will nicht immer Schuld sein!!!

Letzte Teambesprechung Mittwoch vor einer Woche: Chef kündigt an, ab Mittwoch dieser Woche (also vorgestern) in Urlaub zu gehen – Herr meiner Sinne (und ich danke dem Herrn noch heute für diese Eingabe) kommt mir tatsächlich der Gedanke an die fällige Betriebskostenabrechnung – es ist ja nicht so, als würde ich in den letzten Wochen zu irgendwas anderem kommen, nech? Und es ist auch überhaupt nicht so, dass ich mehrmals in der Woche betone, dass die Zeit drängt, weil die Abrechnung zum 30.09. raus sein muss (Haaalloooooo … Mond an Erde … wir haben da einen abweichenden Abrechnungszeitraum ….30.09. nicht 31.12.). Nein üüüüüüüüberhaupt nicht!

„Ähm Chef, ich will ja nicht schon wieder damit anfangen, aber Sonntag in einer Woche ist der 30.09., da muss die Betriebskostenabrechnung für Berlin raus sein! (Ich kann doch auch nichts dafür, dass das zur Zeit drängt. Sie kennen doch unsere Frau H. und unsere Frau U. und von den Brüdern H. gleich ganz zu schweigen. Und rollen Sie doch nicht bitte wieder mit den Augen! *flüster*) Wer zeichnet die Abrechnung ab, wenn Sie im Urlaub sind (und sich in Antalya die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Ich gönne Ihnen das ja drei- bis viermal im Jahr, jawohl! Aber ich muss das jetzt wissen! Ich nerv’ auch ganz bestimmt nicht weiter … ehrlich … versprochen!)“

Der Kronprinz hockt neben ihn als ginge ihn das alles gar nichts an.

„Frau Ly, das haben wir bereits mehrfach durchgesprochen, dass Herr R. (Kronprinzchen zuckt mal kurz) dann die Abrechnung abzeichnet. Wieso überhaupt 30.09.? Abrechnungen müssen doch erst zum 31.12. raus sein …“

„Ja gut, Chef, ich wollte ja nur noch mal nachfragen, weil beim letzten Abteilungsbeweihräuchern in S. (offizielle war es das alljährliche abteilungsinterne Schulungsseminar) eine andere Zuständigkeitsregelung offeriert wurde. Und ausserdem … DIESE Abrechnung muss des abweichenden Abrechnungszeitraumes wegen zum 30.09. und nicht zum 31.12. raus!!!“

„Die Zuständigkeit ist auch grundsätzlich eine andere – nur in diesem Fall ist es so!“

„Ahja!!! Mein Fehler! Tschuldigung!“

Gestern hatten wir es dann – wie eingangs erwähnt – endlich geschafft – unser Glanzstück lag fertig in meinen Händen und ich überbrachte sie ganz stolz unserem Interimschefchen (Kronprinz R.).

„Juhu, R., es ist vollbracht – hier ist die Betriebskostenabrechnung für Berlin. Wir haben auch die Anschreiben so weit schon fertig. Guck bitte noch mal drüber und wenn sie in Ordnung ist, schicken wir sie morgen noch per Kurier raus (das ist doch wohl hoffentlich in Ordnung wegen der Kosten).“

So weit so gut – das Prozedere war ja klar.

Heute Morgen dann komme ich ins Büro – zufrieden, weil die Woche endlich rum, die Abrechnung fertig ist und noch ein kleiner Ausstand mit Imbiss und Umtrunk anstand. Nach dieser Woche brauchte ich Alkohol – dringend!

Kaum, dass ich die Bürotür geöffnet hatte (mein allmorgendliches „Moihoin!“ noch gar nicht ausgesprochen), hätte ich am liebsten kehrt gemacht und mich wieder in mein Bett verkrochen. Ich hätte in diesem Moment sogar gerne auf das in Aussicht stehende Glas Sekt verzichtet. Unser Kronprinz hat wieder alle Erwartungen übertroffen und gerade eben schon einen seiner berüchtigten Rumpelstilzchentänze mit einer Kollegin, die nun komplett außer sich war, aufgeführt.

Keine 10 Minuten später (ich hatte meinen Rechner noch nicht einmal komplett hochgefahren) steht er dann vor meinem Tisch – ich gehe schon mal vorsorglich hinter meinem Bildschirm in Deckung in der Hoffnung, es nicht so geballt abzubekommen.             

„Sag mal Ly (boah, wenn einer schon so anfängt) , wann ist eigentlich diese gottverdammte Abrechnung für Berlin fertig – Fristablauf ist der 30.09. – hast du daran schon mal gedacht?“

Nein, mach keinen Scheiß, das muss mir doch tatsächlich entfallen sein.

„Die Abrechnung ist doch komplett fertig! Die habe ich dir gestern Abend, bevor ich in den Feierabend gegangen bin, noch persönlich in die Hand gedrückt. Sobald Du sie frei gezeichnet hast, kann sie per Kurier raus. Da haben wir doch gestern Abend noch drüber gesprochen!“

„Warum muss ich die abzeichnen? Das muss doch HB machen!“

„Eben nicht! Nachdem, was wir in S. gelernt haben, müsste es HB machen, aber der will sich da nicht in die Nesseln setzen, deswegen sollte es Chefchen machen. Da Chefchen aber nicht da ist, hat Chefchen letzten Mittwoch angeordnet, dass du … blah blah blah“

„Und warum sagst du mir nicht, dass ich abzeichnen muss? So was musst du mir doch dazu sagen!“

Hä?

Was’n das?

Hab ich jetzt irgendwas verpasst?

„Wie jetzt? Erstens haben wir da in der letzten Teambesprechung noch mal explizit drüber gesprochen (mit dem Protokoll vor seiner Nase rumfuchtel). Und zweitens hab ich noch gestern Abend zu Dir gesagt, du möchtest bitte drüber gucken und wenn ich dein OK habe, geht die Abrechnung raus!“

„Das hast du gesagt, aber du musst mir doch auch sagen, dass ich die Abrechnung abzeichnen soll.“

*einatme* Eins!!! *ausatme*

*einatme* Zwei!! *ausatme*

*einatme* Drei! *ausatme*

„Ich muss dir gar nichts sagen, und ich werde mich auch hüten, dir etwas vorzuschreiben – ich bin dir gegenüber nämlich gar nicht weisungsbefugt – und das war auch alles abgesprochen. Und überhaupt: Hast du dir die Abrechnung schon angesehen?“

„Nein!“

„Und warum reden wir hier die ganze Zeit? Die Abrechnung muss heute noch raus (mit dem Finger auf die Uhr tippe) – würdest du sie also bitte endlich prüfen?“

Da dreht der sich um, grummelt bei seinem Abgang aus unserem Büro irgendwas in seinen Bart, den er gar nicht hat und was bleibt, ist komplette Stille, was in einem Büro, in dem 5 Personen arbeiten, so gut wie nie vorkommt.

Alle anderen Kollegen sitzen an ihren Schreibtischen mit runter geklappten Kinnladen und leeren Gesichtern!

„Was war das denn jetzt bitte?“

Alles – einschließlich mir – schüttelt nur mit dem Kopf und findet keine weiteren Worte.

Haben kleine Männer in vorgesetzten Positionen eigentlich generell irgendein Autoritätsproblem?

Ich will ne Frau als Chefin haben!!!

 

 

Zumindest scheint die Arbeit dann mehr Spaß zu machen …

 
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Verfasst von - 28. September 2007 in Tägliches Einerlei

 

Fürchtet Euch nicht …

Das Beste an diesem Tag war die Erkenntnis

In drei Monaten ist Weihnachten vorbei!

 

 

Weihnachten hat ja irgendwie in jeder Familie so seine eigne Dynamik.

Da wird gebastelt, gebacken, das Haus geschmückt, geplant, was es wann zum Essen gibt, wer wen wann besucht, wem was geschenkt wird (man will mit seinem ja nicht hinter des anderen Geschenk zurück stehen) und und und …

Also wird sich in das vorweihnachtliche Getümmel gestürzt. Der Streß- und Frustfaktor steigt. Am Ende gibt es für die Frau das obligatorische Parfum und für den geliebten Ehegatten die Seidenkrawattte und farblich dazu passend ein bis zwei Paar Socken.

Heiligabend sitzt die ganze Familie dann total gemästet „unterm“ Weihnachtsbaum (die Schwiegermutter ist kurz vorm Einnicken – wenigstens nörgelt sie nicht mehr) und packt die Geschenke aus. Jeder bemüht sich, ein freudig überraschtes Gesicht, welches unendliche Dankbarkeit und Liebe ausstrahlt, zu machen – nicht dass der andere auf die Idee kommt, er hätte sich bei der Wahl des Geschenkes vergriffen. Doch insgeheim überlegt man schon, an wen man das Geschenk weiterverschenken kann.

Ich selbst bekam mal eine Packung Pralinen, die ich meiner Oma zum Muttertag mitbrachte, zu Weihnachten von meiner Tante – ihres Zeichens die Tochter besagter Oma – zurück und hab es auch nur daran gemerkt, dass das Geschenkpapier so frühlingsgelb irgendwie nicht ganz so recht zu Weihnachten passen mochte und die Schokolade ein wenig grau angelaufen und die Pralinen etwas eingefallen waren.

Da schenkt die Frau ihrem geliebten Mann zwei Krawatten (Frauen können sich ja auch so schwer entscheiden – also werden beide gekauft – Weihnachten guckt man ja auch nicht aufs Geld) – Mann freut sich womöglich sogar darüber.

Doch bereits am nächsten Tag nimmt das weihnachtliche Verhängnis seinen Lauf.

Er steht vorm Schrank, überlegt, was er zum feierlichen Frühstück am ersten Weihnachtstag anzieht – schließlich ist Mutti zu Besuch. Wie er so dasteht (in Unterhosen, aber immerhin schon mit dem Oberhemd, welches Mutti ihm geschenkt hat, bekleidet) denkt er sich, dass es eine schöne Geste seiner Frau gegenüber sei, die ja auch schließlich ergeben und schweigend Mutti erträgt, eine seiner neuen Krawatten umzubinden.

… und ab hier kann er nur noch alles falsch machen …

Er entscheidet sich für die rote Krawatte und begrüßt seine Frau mit einem Kuss als er zum Frühstück erscheint. Er streckt vielleicht auch noch ein wenig seine Brust heraus, damit sie sieht, dass er ihr Geschenk liebt, und dann vernimmt er die schnippischen Worte seines geliebten Eheweibes: „Ach, die blaue Krawatte hat dir wohl nicht gefallen?!“ Worauf Mutti, der die etwas erhöhte Stimme ihrer Schwiegertochter (sie war sowieso nie die richtige für Ihren Sohn) keineswegs entgangen ist, sich wie eine Löwin schützend vor ihr Junges stellt: „Der Junge hat eben Stil – blau passt auch überhaupt nicht zu seinen Augen … Falls es dir noch nicht aufgefallen ist – der Junge hat grüne Augen – ebenso wie sein Vater.“ Mann mag sich jetzt denken: „Ach, wäre ich doch nur im Bett geblieben!“ aber aus dieser Nummer kommt er jetzt nicht mehr so einfach raus. Er entscheidet sich hoffentlich für das einzig richtige, was er in diesem Moment tun kann und hält den Mund. Das maximale, was er noch tun kann, ist, den wunderschön gedeckten Tisch und den köstlichen Kaffee zu loben. Hierbei dürfte er seine Zuneigung an Frau und Mutti gleichberechtigt verteilt haben.

Mutti bleibt schlimmstenfalls bis kurz vor Sylvester (es könnte ja auch ihr letztes Weihnachten gewesen sein); Frau ist reif für die Insel und bedauert, dass Mann ihr keinen Gutschein für ein kinder- und muttifreies Wellness-Wochenende an der See oder in den Bergen geschenkt hat; Mann ist ob der Mitnahme eines jeden Fettnäpfchens bei Mutti und Frau vollkommen mit den Nerven am Ende und wünscht sich nur noch zurück ins Büro; allein die Kinder sind glücklich und mit ihren Geschenken beschäftigt – auch wenn das neue Computerspiel nicht das war, was auf dem Wunschzettel stand, die Traumzauberbarbie nicht so cool wie die Pinky-Punky-Barbie ist oder die Markenjeans leider von genau der falschen Marke waren (Oma hat Mutti zum Glück die Kassenbelege zu der Seife und den Badeschaum gelegt – Umtausch möglich, wobei Körperpflege- und Hygieneprodukte hiervon ausgeschlossen sind).

Was ein Glück – wir haben es wieder alle geschafft – Weihnachten ist vorbei. Nur schade, dass in noch nicht mal einem Jahr alles wieder von vorn beginnt und Omi sich bester Gesundheit erfreut.

Und was ein Glück, dass mir das alles erspart bleibt – kein Mann, keine Frau, keine Mutti, keine lieben Kleinen … allerdings auch kein Weihnachtsbaum, der in diesem Jahr auf der einen Seite rot und auf der anderen blau geschmückt werden sollte, weil wir uns nicht auf eine Farbe einigen konnten.

So wird es sein, wie in jedem Jahr

Weihnachten ganz in Ly und ohne Weihnachtsbaum.

 
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Verfasst von - 27. September 2007 in Beobachtungen

 

Nachruf

Nachruf

~ Peter Gabriel ~ Washing Of The Water~

River, river, carry me on
Living river, carry me on
River, river, carry me on
To the place where I come from
So deep, so wide, will you take me on your back for a ride
If I should fall, would you swallow me deep inside
River, show me how to float,
I feel like I’m sinking down
Thought that I could get along
But here in this water,
my feet won’t touch the ground
I need something to turn myself around
Going away, away toward the sea
River deep, can you lift up and carry me
Oh roll on through the heartland
Till the sun has left the sky
River, river, carry me high
Till the washing of the water, make it all alright
Let your waters reach me, like she reached me tonight
Letting go, it’s so hard, the way its hurting now
To get this love untied
So tough to stay with this thing,
‚cause if I follow through
I face what I denied
I’ll get those hooks out of me
And I’ll take out the hooks that I sunk deep in your side
Kill that fear of emptiness, that loneliness I hide
River, oh river, river running deep
Bring me something that will let me get to sleep
In the washing of the water will you take it all away
Bring me something to take this pain away

Ruhe sanft und in Frieden!

Ich hoffe, die Flut hat dich mit hinaus auf’s Meer getragen!

 
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Verfasst von - 20. September 2007 in Sentimentalitäten

 

Sprüche – 012

Dummheit ist auch eine natürliche Begabung.

~ Wilhelm Busch ~

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Gestern Abend im Schlafsaal im freenet-chat

kall26: hallo kommst in den 2er

-ly-: nö, laß uns doch hier lieber im offenen schreiben

kall26: nix dagegen

kall26: wo bist denn hab dich im Schlafsal geklickt

-ly-: im schlafsaal bin ich

kall26: da ist kei offi

-ly-: ach, sag bloß

kall26: gut ich such dich

-ly-: viel glück!

-ly-: sagste mir bescheid, wenn du mich gefunden hast, nä?

kall26: danke du bist nirgens

-ly-: was soll das heißen, dass ich nirgends bin?

kall26: dein Nick ist in keiem Chat

-ly-: soll das etwa heißen, dass es mich nicht gibt?

kall26: doch bei mir

-ly-: also haste mich nun doch gefunden?

kall26: ja jetzt bei mir

-ly-: ich bin doch aber hier, wie kann ich dann bei dir sein?

kall26: im welchem Chat warst du

-ly-: ich bin die ganze zeit hier

kall26: im Schlafsal

-ly-: joah, ich konnte mich hier ja nicht weg bewegen, weil mich jemand geklickt hat, der komplett intelligenzbefreit ist

kall26: woher und wie alt bist du

-ly-: das weißt du nicht?

kall26: woher soll ich das wissen

-ly-: zum beispiel von meinen daten auf meinem profil, auf dem du erst kürzlich warst?

kall26: wares heute

-ly-: so etwa 21:35 Uhr … jetzt ist es 21:50 Uhr

kall26: was hab ich da gefragt

-ly-: das weiß ich doch nicht, ich war ja nicht dabei

-ly-: hast du eine schlimme krankheit

kall26: nein sist ni9cht ansteckend

-ly-: hast du eine ahnung, wie mich das beruhigt?

kall26: ja

-ly-: tut das eigentlich weh?

kall26: nein das merkt man nicht

-ly-: ja wie will man auch etwas merken, was nicht da ist … hirn zum beispiel

kall26: von was einer Krankheit spricht du

-ly-: na, von deiner

kall26: was heißt von meiner

-ly-: na, von deiner krankheit

kall26: was für eine?

-ly-: ich hab den verdacht, dass du auch das nicht begreifen würdest

kall26: sags mir

-ly-: also gut, ich habe heute meinen sozialen tag … ich verarsche dich hier die ganze zeit und du merkst es nicht

kall26: doch merke es du bist 35 hab dich gefunden

-ly-: ich hab es gewußt – du begreifst es nicht

kall26: pass auf die Elbe auf das sie dich nicht mitreißt

kall26: wär zu schade drum das Wasser mit dir zu versäuchen

-ly-: hast du angst, dass ich jetzt den glauben an die menschheit verloren habe und mich ins wasser stürze?

-ly-: wow, da ist ja doch noch was und ich muß nicht ins wasser

kall26: nein eher Angst das du dich auf die Menschheit stürzt

-ly-: du solltest dir erstmal sorgen um deine krankheit und dich machen … die menschheit übersteht mich schon

kall26: meine Krankheit hab ich im Griff

-ly-: dann kann ich dich ja als therapiert entlassen

kall26: haben alle schon gemacht wo ich war

-ly-: dann wünsche ich dir jetzt mal noch einen schönen abend

kall26: nur einige haben gefragt ob ich Sternbild Löwe oder Elefant bin

kall26: noch da

-ly-: ich hab grad meine sternenkarte rausgesucht, um das sternbild elefant zu suchen

kall26: such mal ist wohl mein Erinnerungsvermögen mit geneint

-ly-: aha, ich wünsche dir aber trotzdem einen schönen abend

-ly-: das war jetzt eine verabschiedung

kall26: bay

kall26: du geile Socke

kall26: lass dich mal richtig durchficken damit du wieder klar wirst

 

Keine intelligente Lebensform auf diesem Planeten!

Beam me up, Scotty!

PS: Mit dem F-Wort hatte ich eigentlich schon viel früher gerechnet.

 
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Verfasst von - 20. September 2007 in Zitate

 

Sprüche – 011

 

Kettcar ~ Landungsbrücken raus ~

 

Es gibt Dinge, die erinnern uns unweigerlich an Menschen, an schöne oder weniger schöne Erlebnisse – ein Buch, ein bestimmtes Lied oder ein spezieller Ort.

Madonna’s „Like A Prayer“ erinnert mich zum Beispiel an Kay – meine Jugendliebe. Es waren nur 14 Tage in jenem Sommer 1989 und ich war 17 – mitten drin in meiner Sturm-und-Drang-Zeit. Es kamen einige Männer nach ihm – Männer, die wesentlich länger blieben, aber auch solche, die meinen Weg für kürzere Zeit kreuzten – und doch konnte keiner mit Kay konkurrieren – er war eben der Erste (wenn auch nicht DER Erste).

Kay ist jetzt irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs – seine letzte Mail kam vor 3 Monaten aus Südafrika und er war auf dem Weg nach Namibia. Er ist ein Weltenbummler – aber wenn ich „Like A Prayer“ höre, dann ist er mir ganz nah, ich bin wieder 17 und es ist Sommer.

Der HVV und der Sperrung einer Teilstrecke meines täglichen Arbeitsweges verdanke ich, dass mir ein weiterer mit Erinnerungen behafteter Ort ins Bewusstsein geraten ist – St. Pauli Landungsbrücken.

Vom Beginn meiner Hamburger Zeit an zählen die Landungsbrücken zu einem meiner Lieblingsorte hier in Hamburg. Und das Lied von Kettcar erinnert mich immer wieder an diesen Ort.

Das erste Mal war ich in der Weihnachtszeit 1989 dort – die Grenzen waren gerade aufgebrochen und alles strömte gen Westen – die Züge waren entsprechend überfüllt.

Wir waren auf Verwandtschaftsbesuch – Peter schenkte mir damals ein von ihm selbst gemaltes Bild (später brachte er mir bei einem Gegenbesuch ein zweites mit) – ich behandelte dieses Bild in dem überfüllten Zug wie ein rohes Ei und hab es tatsächlich heil nach Hause gebracht. Peter’s Bilder hängen heute noch bei mir an der Wand – etwas angeschrabbelt durch die vielen Umzüge, aber immer noch schön.

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Peter lebt schon einige Jahre nicht mehr – er hat sich in Hamburg vor eine S-Bahn geworfen.

Vielleicht hänge ich auch daher so an diesen Bildern.

Ich weiß, dass wir damals an den Landungsbrücken waren, aber tiefergehende Erinnerungen hab ich eigentlich nicht mehr.

Dann – Jahre später (es war in der Vorweihnachtszeit 2004) – habe ich Jan in Hamburg besucht (zweimal binnen 14 Tagen und danach hörte ich nie wieder etwas von ihm – er hat aber noch meine Lieblingsauflaufform. Vielleicht denkt er ja hin und wieder mal an mich, wenn er sie benutzt – und wenn nicht, hab ich damit auch kein Problem).

Jan musste arbeiten und so hab ich mich, um nicht die ganze Zeit in diesem Plattenbau zu hocken, einfach mal in die Bahn gesetzt, um ein wenig von Hamburg zu erkunden. Vom Hauptbahnhof über den Rathausmarkt runter in die Speicherstadt (dort mit kleinen Aufenthalten im Dungeon und im Miniatur Wunderland, und dann bin ich bei untergehender Sonne an den Landungsbrücken entlang flaniert.

Zurück – am Bismarck und dem Hamburger Michel vorbei – über den Jungfernstieg an der Alster entlang bis hin zum Hauptbahnhof (meine schmerzenden Füße spüre ich heute noch) – und am schönsten war doch die Atmosphäre des hereinbrechenden Abends an den Landungsbrücken – die Elbe, die Schiffe und Barkassen, die untergehende Sonne hinter all den Kränen – und dieser Geruch der Elbe – beinahe mit dem Duft der weiten Welt und dazu die klare Winterluft – das alles läßt sich so schwer beschreiben.

Das muß man einfach erlebt haben.

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Im Frühjahr und Sommer war ich noch einige Male hier, bevor ich mich dann endlich entschieden hatte, meine Zelte in Dresden abzubrechen und nach Hamburg zu gehen.

Naja, wenigstens der Elbe bin ich treu geblieben – und ein Nordlicht gehört eben doch mehr in den Norden.

In dieser Zeit war ich noch einige Male und gerne an den Landungsbrücken …

… einmal sind wir mit unseren Rädern in den Schlagermove geraten (furchtbar diese ganzen Menschen) und haben, bis der Wurm an uns vorübergezogen war, hier einen kleinen Zwischenstopp eingelegt

… ein anderes mal zum Hafengeburtstag
Wieder waren Massen von Leuten unterwegs, was bei mir ja eher Panik als Wohlfühlatmosphäre auslöst. Aber nach dem ersten Fahrgeschäft (ich hab keine Ahnung mehr, wie viel G nun genau auf unserer Körper wirkten) war ich in einem Rausch, dass mich auch die Menschenmassen nicht mehr störten.
Und abends lief die Queen Mary II in Elbe 17 zur Generalüberholung ein. Hach, was war das schön.

Als Hamburger scheint man unweigerlich zum Queen-Mary-II-Fan zu mutieren.

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Und durch die Streckensperrung der HVV komme ich nun allmorgendlich (und wenn ich entspannt bin und Lust habe auch allabendlich) in den Genuss, mit der U-Bahn an den Landungsbrücken vorbei zu fahren – morgens, wenn das Leben allmählich wieder erwacht und noch kaum Menschen, vor allem null Touristen, dort unterwegs sind, haben die Landungsbrücken noch mal eine ganz andere eigene Atmosphäre. Selbst wenn der Morgen grau in grau oder verregnet ist, haben die Landungsbrücken einen eigenen – dann auch rauen – Charme.

Den ersten Tag der Streckensperrung bin ich ja noch dort entlang gefahren – es gibt auch eine andere und kürzere Alternative – um etwas von dem Flair der Landungsbrücken in mich aufzusaugen.

Und dann erwischte es mich eiskalt – es gibt noch eine andere Erinnerung, die ich mit den Landungsbrücken verbinde – es ist eine Erinnerung an IHN.

Die Erinnerung traf mich mit einer solchen Wucht, dass es mir sofort das Wasser in die Augen trieb. Darauf war ich an jenem Morgen einfach nicht vorbereitet.

Es war unser erstes Treffen – Ostern dieses Jahres – und weil die Landungsbrücken zu meinen Lieblingsorten gehören, musste ich sie ihm selbstverständlich zeigen.

Ich erinnere mich an den alten Elbtunnel – Schritte hinter uns, die ich nicht wahrnahm, ihn aber besonders aufmerksam machten – unser Lachen über diese Situation.

Ich erinnere mich, wie wir – ob unserer Unsicherheit über die Gefühle des anderen immer auf einen Anstandsabstand zwischen uns achtend – die Landungsbrücken bis vor an die Speicherstadt nebeneinander hergingen, uns gegenseitig beobachtend in der Hoffnung, dem anderen fiele es nicht zu sehr auf.

Ich erinnere mich an den Wunsch, meine Hand in seine legen zu wollen und doch nicht den Mut dazu fassen zu können.

Ich erinnere mich an ihn und meine Gefühle zu ihm, an die schöne Zeit, die wir miteinander hatten und den Schmerz, den ich empfand, als sein Zug vor 6 Wochen den Bahnhof verließ und mich mit dem Gefühl zurückließ, dass ich ihn nie wieder sehen würde.

All das hatte ich (bis auf den Schmerz, den ich empfand, als das Gefühl vom Bahnhof vor 6 Wochen zur Gewissheit wurde, und der mir das Leben und Lachen auch heute noch so schwer macht) verdrängt und kam mir jetzt wie ein Film zurück ins Gedächtnis.

Es gibt Träume, die träumen wir so intensiv, dass wir denken, wir würden es tatsächlich erleben – genauso waren diese Bilder an jenem Morgen vor einer Woche für mich.

Seitdem fahre ich jeden Morgen diese Strecke.

Nun könnte man mich fragen, warum ich mir das antue und nicht einfach die andere und zudem kürzere Strecke fahre.

Nun, ich würde darauf antworten, dass ich versuche, bewusst Abschied zu nehmen – in der Hoffnung, dass der Schmerz erträglich für mich wird und ich irgendwann loslassen kann.

Die Erinnerungen und Assoziationen werden bleiben und jedes mal wiederkommen, wenn ich an den Landungsbrücken bin – das werde ich nicht unterdrücken können – aber ich möchte die Landungsbrücken in Zukunft einfach wieder als das erleben, was sie immer für mich waren – ich möchte meine Zeit dort genießen können – auch die Erinnerungen, die aber ohne dass es mir die Tränen in die Augen treibt, die Wehmut mich gefangen nimmt und der Schmerz mir das Herz einschnürt.

Aber Kummer sucht auch freundliche Orte heim;
Kummer geht auf Reisen;
Kummer kommt zu Besuch;
Kummer kann sogar Urlaub nehmen von Orten, wo er gedeiht.
Der Kummer begann, wie Kummer es häufig tut, mit dem Sich-Verlieben.

~ John Irvin in „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ ~

 

Vielleicht sollte ich den Kummer einfach begraben, damit ich endlich loslassen kann.

Wo?

An den St. Pauli Landungsbrücken natürlich … mir schwebt da eine Seebestattung vor.

 
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Verfasst von - 11. September 2007 in Zitate

 
 
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