RSS

Sprüche – 011

11 Sep

 

Kettcar ~ Landungsbrücken raus ~

 

Es gibt Dinge, die erinnern uns unweigerlich an Menschen, an schöne oder weniger schöne Erlebnisse – ein Buch, ein bestimmtes Lied oder ein spezieller Ort.

Madonna’s „Like A Prayer“ erinnert mich zum Beispiel an Kay – meine Jugendliebe. Es waren nur 14 Tage in jenem Sommer 1989 und ich war 17 – mitten drin in meiner Sturm-und-Drang-Zeit. Es kamen einige Männer nach ihm – Männer, die wesentlich länger blieben, aber auch solche, die meinen Weg für kürzere Zeit kreuzten – und doch konnte keiner mit Kay konkurrieren – er war eben der Erste (wenn auch nicht DER Erste).

Kay ist jetzt irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs – seine letzte Mail kam vor 3 Monaten aus Südafrika und er war auf dem Weg nach Namibia. Er ist ein Weltenbummler – aber wenn ich „Like A Prayer“ höre, dann ist er mir ganz nah, ich bin wieder 17 und es ist Sommer.

Der HVV und der Sperrung einer Teilstrecke meines täglichen Arbeitsweges verdanke ich, dass mir ein weiterer mit Erinnerungen behafteter Ort ins Bewusstsein geraten ist – St. Pauli Landungsbrücken.

Vom Beginn meiner Hamburger Zeit an zählen die Landungsbrücken zu einem meiner Lieblingsorte hier in Hamburg. Und das Lied von Kettcar erinnert mich immer wieder an diesen Ort.

Das erste Mal war ich in der Weihnachtszeit 1989 dort – die Grenzen waren gerade aufgebrochen und alles strömte gen Westen – die Züge waren entsprechend überfüllt.

Wir waren auf Verwandtschaftsbesuch – Peter schenkte mir damals ein von ihm selbst gemaltes Bild (später brachte er mir bei einem Gegenbesuch ein zweites mit) – ich behandelte dieses Bild in dem überfüllten Zug wie ein rohes Ei und hab es tatsächlich heil nach Hause gebracht. Peter’s Bilder hängen heute noch bei mir an der Wand – etwas angeschrabbelt durch die vielen Umzüge, aber immer noch schön.

clip_image002clip_image004

Peter lebt schon einige Jahre nicht mehr – er hat sich in Hamburg vor eine S-Bahn geworfen.

Vielleicht hänge ich auch daher so an diesen Bildern.

Ich weiß, dass wir damals an den Landungsbrücken waren, aber tiefergehende Erinnerungen hab ich eigentlich nicht mehr.

Dann – Jahre später (es war in der Vorweihnachtszeit 2004) – habe ich Jan in Hamburg besucht (zweimal binnen 14 Tagen und danach hörte ich nie wieder etwas von ihm – er hat aber noch meine Lieblingsauflaufform. Vielleicht denkt er ja hin und wieder mal an mich, wenn er sie benutzt – und wenn nicht, hab ich damit auch kein Problem).

Jan musste arbeiten und so hab ich mich, um nicht die ganze Zeit in diesem Plattenbau zu hocken, einfach mal in die Bahn gesetzt, um ein wenig von Hamburg zu erkunden. Vom Hauptbahnhof über den Rathausmarkt runter in die Speicherstadt (dort mit kleinen Aufenthalten im Dungeon und im Miniatur Wunderland, und dann bin ich bei untergehender Sonne an den Landungsbrücken entlang flaniert.

Zurück – am Bismarck und dem Hamburger Michel vorbei – über den Jungfernstieg an der Alster entlang bis hin zum Hauptbahnhof (meine schmerzenden Füße spüre ich heute noch) – und am schönsten war doch die Atmosphäre des hereinbrechenden Abends an den Landungsbrücken – die Elbe, die Schiffe und Barkassen, die untergehende Sonne hinter all den Kränen – und dieser Geruch der Elbe – beinahe mit dem Duft der weiten Welt und dazu die klare Winterluft – das alles läßt sich so schwer beschreiben.

Das muß man einfach erlebt haben.

clip_image006clip_image008

Im Frühjahr und Sommer war ich noch einige Male hier, bevor ich mich dann endlich entschieden hatte, meine Zelte in Dresden abzubrechen und nach Hamburg zu gehen.

Naja, wenigstens der Elbe bin ich treu geblieben – und ein Nordlicht gehört eben doch mehr in den Norden.

In dieser Zeit war ich noch einige Male und gerne an den Landungsbrücken …

… einmal sind wir mit unseren Rädern in den Schlagermove geraten (furchtbar diese ganzen Menschen) und haben, bis der Wurm an uns vorübergezogen war, hier einen kleinen Zwischenstopp eingelegt

… ein anderes mal zum Hafengeburtstag
Wieder waren Massen von Leuten unterwegs, was bei mir ja eher Panik als Wohlfühlatmosphäre auslöst. Aber nach dem ersten Fahrgeschäft (ich hab keine Ahnung mehr, wie viel G nun genau auf unserer Körper wirkten) war ich in einem Rausch, dass mich auch die Menschenmassen nicht mehr störten.
Und abends lief die Queen Mary II in Elbe 17 zur Generalüberholung ein. Hach, was war das schön.

Als Hamburger scheint man unweigerlich zum Queen-Mary-II-Fan zu mutieren.

clip_image010

Und durch die Streckensperrung der HVV komme ich nun allmorgendlich (und wenn ich entspannt bin und Lust habe auch allabendlich) in den Genuss, mit der U-Bahn an den Landungsbrücken vorbei zu fahren – morgens, wenn das Leben allmählich wieder erwacht und noch kaum Menschen, vor allem null Touristen, dort unterwegs sind, haben die Landungsbrücken noch mal eine ganz andere eigene Atmosphäre. Selbst wenn der Morgen grau in grau oder verregnet ist, haben die Landungsbrücken einen eigenen – dann auch rauen – Charme.

Den ersten Tag der Streckensperrung bin ich ja noch dort entlang gefahren – es gibt auch eine andere und kürzere Alternative – um etwas von dem Flair der Landungsbrücken in mich aufzusaugen.

Und dann erwischte es mich eiskalt – es gibt noch eine andere Erinnerung, die ich mit den Landungsbrücken verbinde – es ist eine Erinnerung an IHN.

Die Erinnerung traf mich mit einer solchen Wucht, dass es mir sofort das Wasser in die Augen trieb. Darauf war ich an jenem Morgen einfach nicht vorbereitet.

Es war unser erstes Treffen – Ostern dieses Jahres – und weil die Landungsbrücken zu meinen Lieblingsorten gehören, musste ich sie ihm selbstverständlich zeigen.

Ich erinnere mich an den alten Elbtunnel – Schritte hinter uns, die ich nicht wahrnahm, ihn aber besonders aufmerksam machten – unser Lachen über diese Situation.

Ich erinnere mich, wie wir – ob unserer Unsicherheit über die Gefühle des anderen immer auf einen Anstandsabstand zwischen uns achtend – die Landungsbrücken bis vor an die Speicherstadt nebeneinander hergingen, uns gegenseitig beobachtend in der Hoffnung, dem anderen fiele es nicht zu sehr auf.

Ich erinnere mich an den Wunsch, meine Hand in seine legen zu wollen und doch nicht den Mut dazu fassen zu können.

Ich erinnere mich an ihn und meine Gefühle zu ihm, an die schöne Zeit, die wir miteinander hatten und den Schmerz, den ich empfand, als sein Zug vor 6 Wochen den Bahnhof verließ und mich mit dem Gefühl zurückließ, dass ich ihn nie wieder sehen würde.

All das hatte ich (bis auf den Schmerz, den ich empfand, als das Gefühl vom Bahnhof vor 6 Wochen zur Gewissheit wurde, und der mir das Leben und Lachen auch heute noch so schwer macht) verdrängt und kam mir jetzt wie ein Film zurück ins Gedächtnis.

Es gibt Träume, die träumen wir so intensiv, dass wir denken, wir würden es tatsächlich erleben – genauso waren diese Bilder an jenem Morgen vor einer Woche für mich.

Seitdem fahre ich jeden Morgen diese Strecke.

Nun könnte man mich fragen, warum ich mir das antue und nicht einfach die andere und zudem kürzere Strecke fahre.

Nun, ich würde darauf antworten, dass ich versuche, bewusst Abschied zu nehmen – in der Hoffnung, dass der Schmerz erträglich für mich wird und ich irgendwann loslassen kann.

Die Erinnerungen und Assoziationen werden bleiben und jedes mal wiederkommen, wenn ich an den Landungsbrücken bin – das werde ich nicht unterdrücken können – aber ich möchte die Landungsbrücken in Zukunft einfach wieder als das erleben, was sie immer für mich waren – ich möchte meine Zeit dort genießen können – auch die Erinnerungen, die aber ohne dass es mir die Tränen in die Augen treibt, die Wehmut mich gefangen nimmt und der Schmerz mir das Herz einschnürt.

Aber Kummer sucht auch freundliche Orte heim;
Kummer geht auf Reisen;
Kummer kommt zu Besuch;
Kummer kann sogar Urlaub nehmen von Orten, wo er gedeiht.
Der Kummer begann, wie Kummer es häufig tut, mit dem Sich-Verlieben.

~ John Irvin in „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ ~

 

Vielleicht sollte ich den Kummer einfach begraben, damit ich endlich loslassen kann.

Wo?

An den St. Pauli Landungsbrücken natürlich … mir schwebt da eine Seebestattung vor.

Advertisements
 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - 11. September 2007 in Zitate

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: