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Nur die Harten kommen in den Garten

30 Sep

Gestern sagte eine liebe Bekannte zu mir:

„Endlich geht es mir wieder gut
und ich muss mich nicht mehr verstellen.
Ich kann wieder so sein, wie ich wirklich bin.“

Das hat mich nachdenklich gemacht.

Müssen wir uns eigentlich immer verstellen?

Müssen wir vorgaukeln, dass es uns gut geht, auch, wenn es tief in uns drin ganz anders aussieht?

Ich meine, so als Zwilling ist das ja ganz normal – zumindest werden uns die zwei Gesichter ja immer unterstellt und meistens schwingt dabei unterschwellig der Vorwurf der Unehrlichkeit und Hinterhältigkeit mit.

Im Beruf wird es erwartet und das ist auch ganz richtig so – persönliche Unpässlichkeiten haben im Job auch nichts zu suchen – im Job gilt Professionalität. Aber Dienst ist Dienst und privat ist privat. Wir sprachen ja auch nicht über den Dienst.

Im privaten Kreis – unter Freunden, in der Familie – sollte es doch schon möglich sein, sein wahres Gesicht, seine Gefühle zeigen zu können.

Ja, es sollte!

Theorie und Realität driften aber auch im privaten Umfeld oft weit auseinander.

Wie oft habe ich als Kind von meiner Mutter gehört: „Kind, mach ein anderes Gesicht!“ In den schlimmeren Momenten kam von meinem Vater ein: „Sonst setzt es was!“ hinterher.

Ich hab es also schon als Kind gelernt, gute Mine zu bösem Spiel zu machen. Für mein Umfeld war es auch einfacher. Das Kind hat funktioniert, und da es lacht (zumindest lächelt), muss man sich auch nicht weiter mit ihm und seinen Problemen auseinandersetzen.

Ja, ein Ly war ein herrlich unkompliziertes Kind, weil es so perfekt funktioniert hat.

Und als ich dann aufhörte zu funktionieren, begannen die Probleme.

Nein eigentlich begannen sie da noch nicht – für die anderen zumindest nicht.

Ly ist nicht normal! (Es ist ein sehr erhabenes Gefühl, so etwas aus dem Mund des eigenen Vaters zu hören)

Einfache Diagnose – muss man sich auch nicht weiter mit auseinander setzen.

„Kind, du bist eine Schlag. Du bist stark. Du schaffst das schon. Du hast es ja immer geschafft.“

Ja, ich habe es immer geschafft.

Nur die Harten kommen in den Garten.

Irgendwann hab ich dann aber auch die Kraft verloren und ein „Kind, du bist eine Schlag!“ hat mir dann auch nicht weiter geholfen. Ich war nie wirklich stark – ich hab nur immer die Starke gespielt. Jedes Spiel ist irgendwann einmal ausgespielt. Und nur mit einem Ich-mache-ein-anderes-Gesicht war es dann auch nicht mehr getan.

Es hat lange gedauert – es war ein schwerer und schmerzvoller Weg – bis ich mir endlich selbst zugestanden habe, dass ich nicht stark bin und ich auch Schwächen haben und zeigen darf – dass ich kein Verlierer bin, nur weil ich mal nicht stark bin.

Zu erkennen, dass das Zugestehen von Schwächen eine größere Stärke zeigt, als sie zu überspielen, hat dann noch einmal viel Zeit und Kraft gekostet.

Und da begannen die eigentlichen Probleme – ich habe nicht mehr geschwiegen und ein anderes Gesicht gemacht – ich habe meine Schwächen ausgesprochen und ich habe anderen einen Spiegel vorgehalten, habe sie mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten und den Schmerzen, die sie mir damit zugefügt haben, konfrontiert – auch ein Ly ist ja nicht ohne Grund unnormal.

Anfangs hatte ich erwartet, dass es reicht, gewisse Dinge auszusprechen – ich hatte auf Verständnis gehofft und wurde in meinen Erwartungen enttäuscht.

Es tat weh.

Anfangs!

Mittlerweile ist es mir egal (und das ist im Grunde das schlimmste Gefühl, dass man einer Person entgegenbringen kann), ob die andere Seite mich versteht oder zumindest akzeptiert.

Wenn ich also nicht normal bin, dann will ich alles sein – nur eben nicht normal.

Ich kämpfe nicht mehr darum, als das akzeptiert zu werden, was ich bin. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, so lange auf der anderen Seite nicht einmal die Bereitschaft da ist, es zu akzeptieren – ich erwarte ja schon lange kein Verständnis mehr.

Das Kind funktioniert nicht mehr.

Das ist aber auch nicht schlimm.

Immerhin hat man jetzt wieder einen Schuldigen für die eigenen Unzulänglichkeiten gefunden.

Ein Schuldkind – ja, andere kennen das auch.

Ein Freund sagte mir – wenn auch in einem anderen Zusammenhang –

Wer dich so wie du bist nicht will, hat dich anders nicht verdient.

Schuld eigne – nicht meine.

Ich bin nicht immer stark – ich habe auch eine schwache Seite – und ich bin stolz darauf. Denn ich bin keine Maschine – sondern ein Mensch … nur ein Mensch … und doch ein Mensch.

Schwach zu sein und dazu zu stehen hat aber auch manchmal die Konsequenz, dass man ziemlich alleine da steht. Aber auch damit werde ich fertig – ich hab es in 35 Jahren ja ausreichend lernen können, alleine klar zu kommen, alles mit mir selbst auszumachen.

Und doch kommen die Momente, in denen man einfach nur mal aufgefangen werden möchte.

Manchmal reicht es schon, schweigend in den Arm genommen zu werden. Sich anlehnen – mal nicht derjenige sein, an den sich angelehnt wird – sich fallen lassen, seinen Seelenfrieden finden … das alles fehlt manchmal – auch mir.

Nähe zulassen, Vertrauen aufzubauen – das alles fällt so unendlich schwer – mir zumindest. Wie soll es auch leicht fallen, wenn das Urvertrauen erst einmal zerstört wurde.

Und wenn man es dann mal gefunden hat, wenn man die Nähe zugelassen hat, sich getraut hat, Schwäche zu zeigen und sich fallen zu lassen, dann fällt es so unendlich schwer, es wieder loszulassen – denjenigen ziehen lassen zu müssen und wieder alleine da zu stehen.
Dann sind Freunde da und bieten ihren Arm an.

Ich bin froh, dass sie mich mittlerweile so gut kennen und Verständnis dafür aufbringen – es vor allem nicht als persönliche Zurückweisung empfinden – wenn ich in diesen Situationen blocke (ich blocke ja sogar mich selbst und meine Gefühle) und selbst diese Nähe nicht zulassen kann.

Obwohl ich mir den Arm doch auch wünsche, gerade körperlichen Kontakt kann ich dann nicht zulassen, es ist mir einfach zu nah – ich habe es nicht anders (kennen) gelernt. Und es gab in meinem Leben leider auch Menschen – Männer – die mir näher gekommen sind als sie es hätten dürfen („Stell dich nicht so an!“).

Aber meine Freunde wissen auch, dass ich irgendwann von ganz alleine wieder auf sie zukomme – dann, wenn ich wieder zu mir gefunden habe, wenn ich wieder bereit bin, Nähe zuzulassen.

Ich bin froh, dass ich meinen Freunden nichts mehr vorspielen muss.

Sie würden es ohnehin bemerken!

 

Umarme mich
Leg meinen Kopf in deinen Schoß
Beruhige mich
Und lass mich nicht mehr los
Gib mir von deiner Energie
Ich steh als Bettler hier vor dir
Umarme mich
Hol mich in eine andre Welt
Beruhige mich
Sag, dass du zu mir hälst
Gib mir von deiner Energie
Ich steh als Bettler hier vor dir
Umarme mich
Beruhige mich
Gib mir von deiner Energie

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Verfasst von - 30. September 2007 in Tagesgedanken

 

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