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Spießer! Na und?

24 Aug

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die einen im Alltagstrott plötzlich innehalten und nachdenken lassen.

Gestern Abend – Sonntagabend.

Im Fernsehen beginnt der Tatort.

Ich sitze auf der Couch, blicke neben mich – mein Hasenmann sitzt neben mir – beide in unserer Daheim-Wohlfühl-Kluft (die angesichts der momentanen Temperaturen aus Slip und T-Shirt besteht) und wir sehen uns den Tatort an.

So wie 7,24 Millionen anderer Deutscher es wohl auch taten (schenkt man den Statistiken Glauben) – so, wie wir es schon einige Male getan haben – so, wie wir es eigentlich regelmäßig abends tun (auch ohne Tatort) – vorausgesetzt, wir sind zur Primetime schon zu Hause. Einer ersten Schätzung zufolge, sieht es in genau diesem Moment in etwa drei Millionen Haushalten in Deutschland genauso aus wie bei uns.

Nichts ungewöhnliches also.

Oder doch?

Plötzlich – wie aus heiterem Himmel – ertappe ich mich ausgerechnet gestern Abend bei dem Gedanken, ob das, was ich jetzt habe, nicht genau das ist, was ich nie haben wollte?

Ich – ein Kind der Generation X.

Ich – die ich noch vor nicht einmal 2 Jahren zu ihren Eltern sagte: “Wenn das, was ihr seid und lebt, normal ist, dann will ich alles sein, nur nicht normal!”

Ich – die ich immer auf meine Unabhängigkeit gepocht habe.

Ich – die immer leben und nicht stehen bleiben wollte.

Ich – die Rebellin, die Unnahbare, die Emanzipierte, die Widerspenstige, die Zickige, die Sturköpfige, die Andersdenkende, und alles was ich sonst noch glaubte, zu sein.

Ich – die ich jetzt an einem Sonntagabend auf der Couch sitze, dem Hasenmann den Kopf kraule und den Tatort sehe.

Ich – die ich genau das genieße.

Es ist das Privilieg der Jugend, anders sein zu wollen als ihre Eltern.

Es ist das Privileg der Jugend, herauszufinden, was das Richtige für einen selbst ist.

Und es ist das Privileg der Jugend, dabei Fehler zu machen und daraus zu lernen.

Ich habe viele Fehler gemacht und ich habe viel gelernt. An dem Lehrgeld zahle ich zum Teil noch heute (nicht nur finanziell, auch emotional). Und doch ist es so, dass ich meinen Weg, den ich gegangen bin, nicht bereue – keinen Schritt.

Alles was passiert ist, musste vielleicht genau so passieren, damit ich jetzt sagen kann: Ich bin angekommen in meinem Leben.

Vieles ist passiert, auf das ich gut hätte verzichten können – auf das ich aber keinen Einfluss hatte, weil es durch andere in mein Leben getragen wurde.

Kindheit und Jugend leben andere für einen. Das ist so, das war so und das wird auch immer so bleiben. Sie – die anderen – sind es, die einem Kind das vorleben und mit auf den Weg geben, von dem sie denken und hoffen, dass es das Richtige ist. Manchmal vergessen Sie bei all ihren Mühen leider, das Kind als ein Individuum zu sehen, das vielleicht anders ist als sie – das andere (kindlichere) Empfindungen, Wahrnehmungen und Bedürfnisse hat. Es ist ein Vorhalt (schon lange kein Vorwurf mehr), den ich den anderen mache, dass es Dinge gab, bei denen ihr Denken (in dubio pro reo) ausgeschaltet gewesen sein muss. Und doch hardere ich nicht mehr mit dem, was ich erlebt habe – es hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Vielleicht sollte ich auch dankbar dafür sein.

Sonntagabend, Couch, Tatort – ein Bild, das für mich lange ein absolutes No-Go war – ein Bild, das ich aus meinem früheren Leben kenne. Das synonyme Bild vom Leben meiner Eltern – Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr der gleiche Einheitsbrei. Am Ende mit dem Unterschied, dass meine Mutter in Gesellschaft des Bruders Schlaf im Wohnzimmer und mein Vater in bester Gesellschaft des Springer Urvaters in der Küche den Tatort erleben (oder eben nicht erleben – als ob es darauf noch ankäme).

Und wenn ich dann wieder den Hasenmann und mich sehe – so ist es trotz der Ähnlichkeit auf den ersten Blick doch ein ganz anderes Bild (hoffentlich nicht nur, weil wir noch keine 40 Jahre verheiratet sind), als das meiner Eltern und derer Leben.

Und wenn ich so darüber nachdenke, so ist es das WIR, was den Unterschied zu dem Leben, was ich nie wollte, ausmacht. Es ist das WIR zweier Individuen, die trotz allem WIR auch noch ein ICH haben. Es ist natürlich von Vorteil, das sein und mein ICH sehr ähnlich sind und viele WIRs daher auch immer zweimal ICH sind.

Mein Hasenmann und ich – auch unser Leben ist geprägt vom alltäglichen, allwöchentlichen, alljährlichem Trott – wir arbeiten viel und lange, schlafen wenig und stehen auch sonn- und feiertags vergleichsweise früh auf.

Unsere Nachbarn sind der Meinung, wir hätten ein durchaus ausgeprägtes Sexualleben, dabei stammen die allabendlichen Geräusche, die aus unserem Schlafzimmerfenster in das die nächtliche Hamburg dringen, von dem wohligen Gefühl, endlich die müden Beine ausstrecken und das erschöpfte Haupt auf die Kissen betten zu können.

Auch wir haben unsere finanziellen Engpässe (überstanden) und haben uns dennoch in unserem Leben nichts auszustehen.

Wir haben eine schöne Wohnung, die wir nach und nach noch schöner machen und in der wir uns zu Hause fühlen. Ja, wir haben auch einen Balkon, und wir erfreuen uns an den prächtig gedeihenden Balkonpflanzen und deren üppiger Blütenpracht.

Sonntags läuft Formel 1, gerne auch Fußball in der Premiere Sports Bar (heißen die eigentlich noch so?).

Wir fahren nicht nach Malle, um uns zu erholen, sondern mieten uns ein Holzhäuschen auf Fanö und genießen die Ruhe, die Nordsee und die Luft.

Wir machen nicht mehr jeden Modetrend mit – was, wenn ich mir manche Girlies gerade jetzt im Sommer hier in der Stadt ansehe, auch gut so ist. Unsere Frisuren kommen ohne Unmengen von Stylingprodukten aus, sind unseren Jobs entsprechend auch ein klein wenig bieder anmutend und mit dem einen oder anderem grauen Haar meliert – bei mir sieht man es wegen der Haarfarbe aus dem Drogeriemarkt nur weniger als bei ihm.

Er hat in der Fotografie sein Hobby gefunden – ich meines im Basteln und kreativen Werkeln – so hat auch jeder seins für sich.

Er hat übermorgen Geburtstag – dann sind wir endlich beide 37 Jahre alt. Ich bin angesichts seines Geburtstages beinahe aufgeregter als er – und er vor meinem Geburtstag hibbeliger als ich.

Wir teilen die Liebe zu dieser Stadt, in die ich eigentlich nie ziehen wollte und aus der ich nun nicht mehr weg möchte. Wir genießen diese bunte und lebendige Stadt mit all ihren Facetten, ihren Gegensätzen, ihrer Vielfältigkeit und stellen immer wieder fest, wie grün, erholsam und ruhig sie auch sein kann. Es ist der Blick über den Tellerrand, den man in dieser Stadt (dem Tor zur Welt) unweigerlich bekommt, die Toleranz für die Unterschiedlichkeit der Menschen (ich liebe meinen “Tuntenbunker” und bin stolz darauf, gerade ihn verwalten zu dürfen – die Begrifflichkeit stammt von den Mietern selbst), die einfach so miteinander leben, auch aufeinanderprallen und sich doch miteinander auseinandersetzen müssen.

Wir sind glücklich, keine Kinder zu haben. Ich bin noch ‘nen Tick glücklicher, jemanden gefunden zu haben, der keinen eigenen Kinderwunsch hat, den ich ihm nie erfüllen könnte, selbst wenn ich es wollte (ein Problem weniger).

Wir genießen die (manchmal wenige) Zeit miteinander und sind uns oft selbst genug dabei. Die wilden Partynächte finden nicht mehr ganz so wild mit Freunden in unseren oder deren vier Wänden statt (man bleibt unter seinesgleichen).

Ich führe genau das Leben, das ich immer führen wollte und ich teile es mit genau dem Mann, den ich mir immer gewünscht habe (auch wenn ich es nie hätte wahrhaben wollen, dass ein Mann wie mein Hasenmann das Beste ist, was mir passieren kann). Ich fühle mich so unendlich wohl mit genau dem Leben, das wir hier und jetzt führen.

Und wenn all das spießig ist, dann sage ich:

Ja, ich bin ein Spießer, das ist auch gut so! 

Ich bin bei mir, bei meinem Hasenmann und endlich auch in meinem Leben angekommen – nach 37 Jahren Suche.

Nichts anderes zählt!

Ein Sonntagabend auf der Couch beim Tatort ist erlaubt.

 

Einen weiteren netten Artikel zum Thema “Spießer, na und?” gibt’s –> hier

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4 Kommentare

Verfasst von - 24. August 2009 in Das Leben und wir, Tagesgedanken

 

4 Antworten zu “Spießer! Na und?

  1. mandy

    24. August 2009 at 21:55

    °Îch freue mich sehr von dir zu lesen..!! und die Zufriedenheit, die du als angehender „Spießer“ spürst, ist das was ich vermisst habe, bei meinen Eltern, dieses quasi spürbare „nichts-zu-sagen-haben“..das ist das Andere, egal ob sich ein paar Begebenheiten parralell anfühlen…ich wünsch dir alles liebe°^^

     
    • nebelschwaden

      25. August 2009 at 16:09

      Hach ja, es wurd ja auch mal wieder Zeit für einen Eintrag. Ich hatte es schon so oft vor und draus geworden ist dann immer nix – irgendwas ist ja immer, nech? Aber so hin und wieder hab ich schon gelunzt, was bei euch – bei dir – so passiert. Wirklich weg war ich nicht! *fuchtelwinks* ins kaffeepöttchen

       
  2. marie

    24. August 2009 at 22:25

    *hach jaaaa* … seufz* und ich lache jetzt nicht – obwohl ich zugebe, das mir das eingemeisselte grinsen im gesicht steht. mir fällt dazu sofort ein: „…wenn ich gross bin, will ich auch mal spießer werden…“ ja, wir sind spiesser und fühlen uns wohl so, na und?!! das „wir“ zweier individuen, die trotz allem „wir“ auch noch ein „ich“ haben und das ist auch gut so… nur so kann es funktionieren! liebe ly, et freut mich sehr, diese zeilen zu lesen! erfahrungsgemäss kann ich sagen, dass diese tatort-couch-sonntag-abende meinerseits auch durchaus erlaubt und erwünscht sind. ohne selbige fehlt nämlich was… und das ganz gewaltig, is klar nä! du spiesser, du! *zwinker* fürchterliche fuchtelwinks* vonne marie für du!!! 😉

     
    • nebelschwaden

      25. August 2009 at 16:23

      Es ist geil, ein Spießer zu sein *süng* .. ach nee, das war das mit dem Ausgang an achtern. *abwink* Du weißt gar nicht, wie ungemein es mich beruhigt, dass du auch so ein spießiger Sonntagabend-auf-der-Couch-Hocker-und-Tatort-Gucker bist – es ist soooooo schön, festzustellen, dass man nicht allein auf der Welt ist. Nein Quatsch, ich hatte ja nicht wirklich Zweifel, aber schon komisch, auf was man manchmal aus heiterem Himmel kommt, oder? Naja, einfach nicht weiter drüber nachdenken. Ich wünsch dir was, liebe Marie *fuchtelwinks*

       

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