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Goodbye Summer

22 Sep

Willkommen Herbst!

 

Heide-2

Für mich begann der Herbst heute mit einer Migräneattacke, wie ich sie lange nicht mehr hatte, und die mir den ersten Krankheitstag im Büro eingebracht hat – nach fast 1 1/2 Jahren.

Nachdem ich schon mit hämmernden Kopfschmerzen aufgewacht bin und mich unter die Dusche geschleppt habe, ist die sodann beim Frühstück eingenommene Schmerztablette postwendend zurück gekommen – ich hab die Kloschüssel derart lieb gehabt, dass ich sie gleich umarmt habe. Einen zweiten Einnahmeversuch habe ich dann erst einmal unterlassen und mich mit meinem Leid zurück ins Bett verkrochen.

Ich gehöre nicht zu denjenigen, die bei jedem kleinen Zipperlein einen freien Tag einfließen lassen, schleppe mich eher – wie erst kürzlich – mit einer ausgewachsenen Erkältung ins Büro, nur um nicht anrufen und mich krank melden zu müssen, aber heute ging definitiv gar nichts mehr.

Nothing! Nada! Nüscht! Gar Nüscht!

Gegen Mittag blieb dann die Tablette drin, half aber nicht viel. Die zweite dann brachte den gewünschten Erfolg. Die Kloschüssel sieht mich nur noch von hinten, und seit einer Stunde bin ich auch nimmer wackelig auf den Beinen. Schön, wenn das Hirn nicht mehr an seine räumlichen Grenzen stößt.

Sehr schön!

Genauso schön wie das Wetter.

Ich habe mir erst einmal einen Kaffe auf dem Balkon in der herrlichen Nachmittagssonne gegönnt. Und als ich mich so umsah (ein klein wenig Lichtempfindlichkeit ist da noch) war ich mir sicher, dass es doch richtig war, noch eine Herbstbepflanzung in meine Balkonkästen eingebracht zu haben.

Es war gut, die Bepflanzung zu wechseln.

Nicht nur, weil es schöner aussieht, nein.

Als hätte ich es geahnt.

Freitag hab ich meine Surfinien kurzerhand herausgerissen.

Das

Sommer-1

war definitiv nicht mehr schön!

Auch nicht, wenn man den Abendhimmel mit einfängt:

Himmel

Nein! Nicht schön! Gar nicht schön!

Samstagmorgen erwartete mich dann dieser Anblick:

leer

 

Nein! Nicht Schön! Gar nicht schön!

Für winterliche Tristesse ist es definitiv noch zu sonnig und bunt draußen. Und da ich zum Frönen meines Lasters doch häufiger mal auf dem Balkon stehe, möchte ich auch etwas schönes sehen.

Also: Ab in den Baumarkt und dringend etwas neues besorgt.

So

Balkon

ist es schön.

Ja! Schön! Wirklich schön!

Heide

Die Fenster hab ich auch gleich noch geputzt – wenn ich schonmal dabei bin, dann richtig. Das hab ich eh schon wochenlang vor mir hergeschoben.

Als hätte ich es geahnt!

Sonntagmittag – der Hasenmann und ich wollten gerade zu einer neuen Knipstour aufbrechen – klingelt das Telefon. Nummer – kenn’ ich nicht. Der Anrufbeantworter springt an. Meine Mum! Och nö, wir wollten doch gerade los. Ich lausche … keine weinerliche Stimme, kein “Warum meldest du dich nicht mal?” … nichts von alledem. Stattdessen ein: “Wir sind in Hamburg! Wollen wir uns nicht treffen?”

Ich gebe es zu, ich musste erst einmal schlucken – ich habe meine Familie seit 3 1/2 Jahren nicht mehr gesehen – mannigfache Gründe, aber keine, die ich hier und jetzt erwähnen möchte. Der Cut jedenfalls ging damals von mir aus und beinahe zwei Jahre gab es gar keinen Kontakt.

Nun war sie also hier – meine Mum.

Sie sagte “Wir” … sie sagte doch “wir”, oder? Wer außer ihr war noch da? Hoffentlich meinte sie mit “wir” nicht meinen Vater, dann wäre der Sonntag womöglich komplett hinüber gewesen – schon allein durch diese Nachricht.

Und so stand ich da und guckte schweigend auf das Telefon. Keine Ahnung, wie lange ich da so stand. Keine Ahnung, wie lange es mir vorkam. Keine Ahnung, was mir durch den Kopf ging. Ich stand einfach nur da!

Und dann hörte ich wieder: “Wir sind in Hamburg. Wollen wir uns nicht treffen?”

Ich gucke meinen Hasenmann an und sehe in seinen Augen: Er würde sie gerne sehen. Egal wer “wir” ist.

Klar, dass er es sich wünscht. Er kennt nach beinahe zweijähriger Beziehung lediglich meine Ex-Schwägerin und meinen kleinen Neffen und das auch nur von einem einstündigen Zwischenstopp auf dem Hamburger Bahnhof Mitte Juli. Klar, dass er neugierig ist.

Und wirklich: Es ist langsam mal an Zeit, auch diesen Schritt wieder aufeinander zuzugehen. Egal, wer “wir” ist.

Ich greife also zum Hörer und höre sofort, wie meine Mum sich über meinen Rückruf freut. Im Hintergrund höre ich im Stimmengewirr die Stimme meines Bruders – unwahrscheinlich also, dass mein Vater dabei ist. Wer den grünen Reisetraum gefahren ist, weiß ich jetzt und mein alter Herr macht keine Tour, die nicht zwingend notwendig ist.

Wir machen einen Treffpunkt aus und in mir reift die Idee, die beiden zu uns in die Wohnung zu einem Kaffee einzuladen. Und während ich so darüber nachdenke und den Treffpunkt mit meiner Mum ausmache, schweift mein Blick in unser drittes Zimmer – Wäschekammer, Büro, Gästezimmer, vor allem aber Hobbyzimmer. Und genauso sieht es nach meinen Bastelaktionen zuletzt auch aus.

Kaum aufgelegt fege ich in dieses Zimmer und raffe alles zusammen, was mir in die Finger kommt. Alles rein in irgendwelche Kartons, absolut unsortiert, Hauptsache weg. Ich merke, wie mir die Hände zittern und ich wie ein aufgescheuchtes Huhn durch das Zimmer hetze.

Fertig! Ordnung wieder hergestellt.

Ein Blick nach oben durch das Fenster: Wie gut, dass die Fenster geputzt und die Balkonkästen frisch bepflanzt sind.

Als hätte ich es geahnt.

Am verabredeten Treffpunkt angekommen, stelle ich mit einer gewissen Erleichterung fest, dass mein alter Herr tatsächlich nicht zu den “wir” gehört. Meine Mum hat sich überhaupt nicht verändert – mein Bruder ist älter geworden und sieht nicht gut aus.

Gar nicht gut!

Man sieht ihm an, was in den letzten zwei Jahren über ihn herein gebrochen ist – sein Arbeitsunfall vor fast zwei Jahren (er ist vom Baum gefallen und hat sich sein Schien- und Wadenbein derart kompliziert gebrochen, dass er heute noch hinkt; dem nicht genug hätte ihn eine Wundinfektion beinahe auch noch das Bein gekostet) und dann der Auszug meiner Schwägerin und meinem kleinen Neffen vor einem Jahr.

Man sieht es ihm an!

Aber egal. Wir begrüßen uns freudig und kein bisschen distanziert. Mein Hasenmann freut sich, endlich auch meine Mum kennen zu lernen. Die beiden freuen sich über die Einladung und kommen gerne mit zu uns nach Hause.

Bei Kaffee und Eis herrscht eine – so nicht erwartete – entspannte Stimmung. Mein Bruder hat sich verändert – zum positiven. Ich glaube, sein Leiden hat ihn geläutert. Ich schäme mich, wenn ich es so bezeichne, aber in gewisser Weise bin ich auch sehr froh darüber. Ich glaube, mein Bruder hat eine Einsicht gewonnen: Das Leben ist nicht planbar und es kann von jetzt auf gleich komplett aus den Fugen geraten. Und ich glaube auch, dass er mich (und das, was ich hinter mir habe)  mittlerweile um einiges besser verstehen kann.  Meine Mum scheint erleichtert, dass sie ihre Tochter in tatsächlich geordneten Bahnen mit einem liebenswerten und zuvorkommenden Hasenmann an ihrer Seite im Leben  und bei sich angekommen sieht und nun auch weiß.

Und wie ich meiner Mum so zuhöre und sie beobachte, schweift mein Blick hinter sie durch frisch geputzte Fenster und einen frisch bepflanzten Balkon. Ich lehne mich zurück und bin erleichtert.

Als hätte ich es geahnt.

Darf ich am Ende noch kurz erwähnen, dass ich aus einem Gärtnerhaushalt stamme? Alle, wirklich alle aus meiner Ursprungsfamilie sind Gärtner. Meine Großeltern: Gärtner. Meine Eltern: Gärtner. Mein Bruder und Ex-Frau: Gärtner. Mein großer Neffe: Gärtner. Ich: Kein Gärtner, aber mit frisch bepflanzten Balkonkästen.

Als hätte ich es geahnt!

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2 Kommentare

Verfasst von - 22. September 2009 in Beobachtungen, Sentimentalitäten

 

2 Antworten zu “Goodbye Summer

  1. Milly

    22. September 2009 at 20:42

    ja klar, ich kenne das auch mit den „Ahnungen“. Sollte alles genau so sein. Und wie ist der „Nachgeschmack“? Stellt sich eine Erleichterung darüber ein deine Mutter nach so langer Zeit wiedergesehen zu haben? Die Balkonkästen sind übrigens sehr hübsch geworden. Liebe Grüße

     
  2. nebelschwaden

    22. September 2009 at 20:49

    Kein bitterer Nachgeschmack! Und darüber bin ich froh; heißt es doch, dass ich mit dem Thema weitestgehend durch bin und genügend Abstand habe. Meine Mum hat auch eben noch angerufen und mich gefragt, ob ich mich vom Schreck erholt hätte. War ja nix Schreck. Ich hab ihr gesagt, dass ich’s schön fand und mich gefreut hab. Ich glaub, dass hat sie auch erleichtert. Und meinen Bruder werd‘ ich mal in der Adventszeit auf ein Wochenende nach Hamburg einladen. *fuchtelwinks*

     

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