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Disqualifiziert

07 Okt

Unser neuer Kollege bekam von meiner Kollegin im Nachbarbüro nach nur wenigen Tagen den Spitznamen „Erklärbar“. Ich hielt es für angebracht, mit der Spitznamenvergabe zu warten, denn er machte einen recht sympathischen Eindruck auf mich (ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger, mit dem ich ob seiner Arroganz schon nach zwei Tagen aneinander geraten bin und der nur zweieinhalb Monate sein Stelldichein bei uns gegeben hat).

Seit etwa einer Stunde nenne auch ich unseren neuen Kollegen „Erklärbär“. Nicht, weil er mir etwas erklärte, was mir auch vorher bereits bekannt war. Mir ist einfach kein anderer Name eingefallen. Im Übrigen finde ich, dass „Erklärbär“ zu seinem Erscheinungsbild durchaus passt. Er ist zwar nicht pummelig und auch nicht flauschig, aber halt schon etwas älter als die meisten hier und angesichts seiner Größe könnte ich ihn gut als Anhänger an meiner Tasche nutzen.

Eigentlich begann der Tag absolut harmlos wie jeder Tag. Ich bin auf meiner allmorgendlichen Begrüßungsrunde durchs Büro und verweile einen Moment bei einer lieben Kollegin zur allmorgendlichen Tratsch Arbeitsbesprechung. Eine andere Kollegin gesellte sich dazu, die von den Erfolgen des Brautkleidkaufes der ersten Kollegin noch nichts wusste und sich auf den neuesten Stand bringen wollte. Ich klinkte mich aus dem Gespräch aus, da ich über den Brautkleidkauf bereits ausführlich informiert war und begab mich auf den Weg zu meinem Arbeitsplatz. Da kam mir der Erklärbär, der zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht so hieß, entgegen. Es ist bei uns im Büro durchaus üblich, dass hin und wieder gelacht werden darf. Er vernahm die Scherzereien meiner beiden Kolleginnen und entschied sich, nicht das Zwiegespräch der Damen stören zu wollen, was er mir mitteilte und was ich bestätigenderweise für eine gute Idee hielt, da man angehende Bräute nicht in ihrer Euphorie bremsen solle. Daraus entwickelte sich folgender kurzer Dialog.

„Frau X heiratet?“

„Nein, Frau X ist bereits verheiratet. Frau Y heiratet im nächsten Frühjahr und hat sich am Montag ihr Brautkleid gekauft.“

„Ah ja, das ist ein wichtiges Ereignis. Bei Ihnen liegt das sicher schon länger zurück als bei mir, aber es bleibt ein wichtiger Moment.“

Bei mir? Länger zurück als bei ihm? Na gut, vielleicht ist er erst seit kurzem verheiratet. Soll es in dem Alter ja auch geben.

„Also, ICH habe das weder hinter mir noch vor mir.“ Und mit einem Augenzwinkern (vorsorglich für den Fall, dass er meine Art des Humors nicht einzuschätzen weiß) fügte ich hinzu: „Und SIE hatten doch sicher kein Brautkleid an.“

Bis hierhin war die Flurunterhaltung ja noch ganz nett.

„Nein, natürlich nicht, aber ich kann mich an das Kleid meiner Frau noch sehr genau erinnern – trotz der 20 Jahre.“

Ja, ich sehe momentan nicht wie das sprühende Leben aus. Und ja, ich sehe auch nicht ausgeschlafen aus. Aber wie alt bitte wirke ich auf den Kerl? Vor 20 Jahren war ich gerade mal 17 Jahre jung und durfte aus rein rechtlichen Gründen noch gar nicht heiraten.

Manchmal ist es besser, einfach die Klappe zu halten. Ich jedenfalls war derart geplättet, dass ich gar nichts mehr sagen konnte. Mir fehlten einfach die Worte, und ich bin wirklich nicht auf den Mund gefallen.

DER Tag ist gelaufen und er ist ab heute auch für mich der „Erklärbär“. So. Selbst Schuld!

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