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20 Jahre

08 Nov

Man mag es kaum glauben, wie schnell 20 Jahre vergehen. Ich habe so viele intensive und frische Erinnerungen aus 1989/90 in mir, dass ich glauben mag, dass alles erst gestern geschehen ist.

Ich weiß zum Beispiel noch, dass es bei uns daheim am 4. November 1989 Spinat mit Spiegelei zum Mittag gegeben hat. Es war ein Samstag. Ich kam vom Wocheninternat nach Hause. Mein damaliger Freund blieb übers Wochenende in meinem Heimatort – er absolvierte dort seine Ausbildung. Ganz nebenbei – er war nur eine halbe Stunde jünger als ich;  wir fanden das damals witzig. Meine Eltern waren in unserer kleinen Gärtnerei mitten in den Totensonntagsarbeiten – die alljährliche Arbeitshochsaison, in der es für uns Kinder keinerlei Freizeitaktivitäten gab. Sowohl mein Sport als auch der Chor, ja sogar die kirchlichen Freizeitaktivitäten hatten Pause. Zu Hause im Betrieb mussten alle mit ran (vielleicht hasse ich den November auch deshalb so sehr). Jedenfalls holte mich Guido vom Zug ab, wir gingen zu mir nach Hause. Meine Mum und ich kochten besagten Spinat mit Spiegelei, und dann saß die ganze Familie in der Küche um den Fernseher versammelt und guckte gebannt auf das, was in Berlin bei der Großkundgebung passierte.  Von dieser Kundgebung ganz besonders in Erinnerung geblieben ist mir dieses Plakat hier

egon

Wir saßen damals sehr viel vorm Fernseher und verfolgten die Ereignisse, die sich manchmal zu überschlagen schienen.

An den 9. November 1989 kann ich mich ähnlich gut erinnern. Es war ein Donnerstag – Discotag – der Tag, an dem fast alle bei uns im Internat verlängerten Ausgang beantragten. An diesem besonderen Tag aber gab es ohne für uns erfindlichen Grund plötzlich Ausgangssperre. Einige hatten das Haus noch vor Verhängung der Ausgangssperre verlassen. Sie kehrten früh zurück – total aufgelöst. Bei uns wusste ja niemand so recht, was los war. Die Mädels wurden umringt, und die Neuigkeiten, die sie mitbrachten, lösten schiere Panik bei den meisten von uns aus. Die Mädels berichteten von einer Pressekonferenz, in der verkündet wurde, dass die Grenzen geöffnet seien und jeder ungehindert das Land verlassen könne. Das gesamte Ordnerteam der Discothek sei danach abgehauen, die Disco geschlossen. Sofort wurden Radios angestellt. Alle verfolgten gebannt die Nachrichten. Und gleich brach wieder Hysterie und Panik aus. Ein bisschen glichen wir einem aufgescheuchten Hühnerhaufen. Nun muss man aber auch bedenken, dass es 1989 in der DDR noch keine Handys gab. Selbst, wenn die Familien daheim zu den wenigen gehörten, die ein Telefon hatten, waren diese für uns unerreichbar. Das aufgrund der Ausgangssperre für uns einzig erreichbare Telefon stand bei der Internatsleitung im Büro, aber ob es da nun stand oder nicht – auch dieses Telefon war für uns unerreichbar. Im Internat herrschte der Ausnahmezustand – Ausgangssperre, Telefonsperre – ein Wunder, dass wir noch Radio hören durften. Die Mädels waren panisch, hatten Angst, am Wochenende zu Hause niemanden mehr anzutreffen. Einigen war klar, dass ihre Freunde abhauen würden. Für 17jährige Mädels, die die erste Liebe erleben, sind solche Vorstellungen der blanke Horror.

Ich kann mich nicht erinnern, ob ich ähnlich panische Gedanken hatte. Wenn ich mir die Situation heute ins Gedächtnis zurück rufe, so sehe ich mich als stillen Beobachter, der nicht in der Situation drin steckt, sondern außen stehend einfach nur zusieht. Eigentlich kann ich mich gerade an ängstliche oder gar panische Situationen in meinem Leben sehr gut erinnern, so dass ich davon ausgehe, dass ich mich von der Hysterie damals nicht habe anstecken lassen. Ich meine, was hatte ich zu befürchten? Daheim war alles im Arbeitsstress, die konnten gar nicht weg. Und Guido? Vielleicht lag es außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass auch er weg sein könnte. Vielleicht hatte ich aber auch nur keine Angst, weil die Grenzen sich öffneten – es für mich also keine unerreichbaren Orte mehr gab. Ich weiß es wirklich nicht mehr, was genau an diesem Abend in mir vorgegangen ist. Wie gesagt, ich erinnere mich an die Hysterie, an die unruhige Nacht, in der niemand geschlafen hat, in der man aus dem einen Bett Getuschel und aus dem anderen Bett Schluchzen hören konnte. Die Schule am nächsten Tag jedenfalls war wie ausgestorben. Der Großteil schien noch immer auf dem Trip gen Westen zu sein. Ich weiß auch gar nicht, ob ich die Chance genutzt und daheim angerufen habe. Ich glaube es eher nicht – die Gefahr, dass jemand abhaut bestand für mich irgendwie nicht, außerdem würde ich am nächsten Tag eh wieder daheim sein. Die Gärtnerei hätte niemand aus unserer Familie im Stich gelassen.

In den folgenden Wochen war die Schule jeweils an den Sams- und Montagen halb leer. Samstags ging’s in vielen Familien bereits ab gen Westen – Freunde und Bekannte besuchen. Und montags waren die gleichen Leute nicht in der Schule, weil sie keinen Platz in den überfüllten Zügen gefunden und deswegen noch nicht wieder daheim waren. Ich habe mir in dieser Zeit angewöhnt, montags im Internat zu frühstücken. Der Essenssaal war der einzige Raum, in dem nicht von den turbulenten Wochenenden “drüben” berichtet wurde. Ich selbst konnte nicht mitreden, da ich diese Erfahrungen nicht machen konnte. Meine Wochenenden bestanden aus der Arbeit im elterlichen Betrieb. In diesem Jahr interessierte sich aber kein Mensch für die Totensonntagsgrabgestaltung – unser Absatz brach dramatisch ein. Als bis zum Totensonntag das Geschäft noch immer nicht in die Gänge gekommen war (den Leuten wurde erst zum ersten Adventswochenende bewusst, dass sie die Gräber noch nicht geschmückt hatten), beschlossen meine Eltern kurzerhand, nach Hamburg zu Verwandten zu fahren. Ganz ehrlich – DAS muss man erlebt haben. Beschreiben kann man diese Erlebnisse nicht wirklich. Die Züge glichen Viehtransporten – umfallen konnte man nicht, so eng standen die Leute. In Hamburg angekommen, eröffnete sich uns eine komplett andere Welt. Mir kam es vor, als wären wir in einem Paralleluniversum gelandet.

Aber egal – 1989/90 waren ohnehin ganz ereignis- und erinnerungsreiche Jahre für mich. Die Wende fiel genau in meine Sturm- und Drangzeit. Ich war 17. Beinahe wöchentlich wechselten meine Liebschaften – mit Guido war ich drei Monate zusammen – das war damals eine Ewigkeit.

Ich erinnere mich an die Tränen, die wir im heimischen Wohnzimmer vor dem Fernseher angesichts der Bilder aus Prag bei Genschers legendärer Ansprache, der Bilder von Leipzigs Montagsdemonstranten, die so erbarmungslos niedergeknüppelt und gehetzt wurden, der Bilder schließlich aus Berlin, als die Massen die Grenzposten stürmten, vergossen haben. Manchmal hatten wir das Gefühl, wir seien die Doofen, die das Licht in der DDR ausmachen würden.

Dirty Dancing – der Film des Jahres. Ich weiß nicht, wie oft ich den Film damals gesehen habe. In den Discotheken tanzten wir – natürlich – Mambo, Silvester feierte mein 10.-Klasse-Abschlußjahrgang das letzte Mal gemeinsam in Waßmann’s Kneipe. Wir tanzten Lambada.

Es ist in dieser Zeit so viel passiert, dass man auch rückblickend meint, gar nicht alles erfassen zu können. Einer meiner Lehrer sagte damals zu uns: “Kinder, nutzt diese Zeit. Ihr seid vogelfrei. So frei wie jetzt, wart Ihr nie und werdet Ihr auch nie wieder sein!” Der Mann hatte Recht, und wir haben die Zeit genutzt. Manchmal glaube ich, dass meine Sturm- und Drangzeit wirklich die intensivst erlebte Zeit meines Lebens war. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor, weil irgendwie jeden Tag was neuen passierte – damals, vor 20 Jahren.

Ich bin verdammt happy, dass ich diese Zeit so intensiv erlebt habe und mich an so vieles noch so gut erinnern kann und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb nicht diesen verklärten Blick auf die DDR habe. Ich bin verdammt froh, dass alles so gekommen ist, wie es gekommen ist und zurück? Niemals!

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