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Omas Beste

11 Apr

Frau Nebelschwaden und der Hasenmann waren über die Osterfeiertage ja zu einem Kurzbesuch bei der Ursprungsfamilie der Frau Nebelschwaden. Nie und nimmer hätte sie daran gedacht und geglaubt, mit Omas Bester im Gepäck wieder zurück nach Hamburg zu kommen.

Ich wusste ja, dass Omas Beste irgendwann einmal bei mir landen würde, aber nie und nimmer hätte ich gedacht, dass “irgendwann einmal” schon jetzt sein könnte. Ich bin stolz wie Bolle und fühle mich, als hätte ich einen großen Goldschatz gehoben.

Darf ich vorstellen … Omas Beste … die Naumann 65 ZickZack.

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Omas gute Nähmaschine, auf der sie mir in meiner Kindheit so viele Kleider genäht hat – deren Pendant in klein auch immer für eine meiner Puppen geschneidert wurde. Die Nähmaschine, auf der mir meine Mutter mein Kleid für den Abschlussball der 10. Klasse genäht hat. Abgesehen von meinen bescheidenen Erinnerungen hat diese Nähmaschine aber eine viel längere und bewegtere Geschichte.

Hergestellt wurde die Maschine in der Fabrik der Seidel & Naumann Aktiengesellschaft Dresden. Angesichts der geschichtlichen Ereignisse ist also davon auszugehen, dass die Maschine bereits vor 1945 gebaut wurde. Meine Oma war Jahrgang 1915 und hat sich nach den Erzählungen meiner Mutter die Maschine von ihren ersten Gehältern zusammen gespart und in Leipzig gekauft. Und so lässt sich ihr Herstellungsdatum noch weiter eingrenzen – Anfang der 30er Jahre. Und als Oma und Opa geheiratet haben (Oma hat ihre gesamte Aussteuer auf dieser Nähmaschine genäht und mit Monogrammen versehen) ist die Maschine mit in das thüringische Dorf gezogen.

Meine Oma war keine gelernte Schneiderin, aber ihre Affinität zur Schneiderei und ihr handwerkliches Geschick haben sie und ihre Familie über den Krieg und die harte Nachkriegszeit gebracht. Die Ursprungsfamilie meiner Mutter war im Gegensatz zur väterlichen Familie alles andere als wohlhabend. Da hat die Schneiderei meiner Oma – auch noch nach den ganz harten Jahren, in denen sie Nächte durch genäht hat – die eine oder andere willkommene Mark zur Haushaltskasse beigetragen.

Als Oma 1985 viel zu früh gestorben ist, hat meine Mutter die Maschine aus Thüringen zu sich nach Mecklenburg geholt, wo sie all die Jahre in meinem alten Zimmer gestanden hat. Und nun ist sie – völlig unerwartet – in Hamburg gelandet. Hätte ich mein Glück in Dresden gefunden, wäre sie sogar wieder zu ihrem Ursprungsort zurück gekehrt, aber das sollte (zum Glück) nicht so sein.

Dass die Maschine bis heute überlebt hat, finde ich schon bemerkenswert. Dass sie aber auch noch voll funktionstüchtig ist und surrt wie ein Bienchen, finde ich noch viel erstaunlicher. Meine Eltern haben sie lediglich einmal zur Wartung gegeben, um ihr Innenleben reinigen und sie einmal gründlich durchchecken zu lassen. Im Vergleich zu der alten Singer meiner Uroma, die noch bei meinen Eltern steht und auch noch funktionsfähig ist, ist die Naumann ZickZack aber in ihrer Handhabung viel umfangreicher und komplizierter. Ich werde mich also in nächster Zeit erst einmal intensiv mit dem Schätzchen beschäftigen müssen, bevor ich mit dem Nähen starten kann. Kein Wunder, dass die Maschine von den Frauen meiner Familie immer wie ein Heiligtum behandelt wurde. Als Oma sie noch benutzt hat, durften meine Mutter und meine Tante sie nicht anfassen, weil sie in ihren Einstellungen sehr sensibel sein soll. Gleiches galt für mich, als sie in den Besitz meiner Mutter gewechselt ist – bitte nicht berühren. Ich hatte ja die Singer, an der ich mich austoben konnte.

Ich liebe diese alten Maschinen. Das Treten des Pedals zum Antrieb der Maschine gehört für mich seit jeher zum Nähen dazu. Wie ungewohnt war es, als ich mir eine elektrische Nähmaschine gekauft habe. Das war irgendwie gar nicht miteinander zu vergleichen.

Der Hasenmann war – um das noch kurz zu erwähnen – anfangs gar nicht erfreut über den plötzlichen Nähmaschinensegen. Aufgrund der Schwächen ihrer bisherigen elektrischen Nähmaschine hat Frau Nebelschwaden nämlich den Wunsch nach einem feinen neuen Maschinchen geäußert, den der Hasenmann ihr zum Geburtstag gar zu gerne erfüllt hätte. Und dann funkt ihm seine Schwiegermutter in spé mit Omas Schätzchen dazwischen. Dem Leuchten in Frau Nebelschwadens Augen war für ihn wohl zu entnehmen, dass sich der Wunsch nach einem neuen Maschinchen damit erledigt hatte. Das alte gusseiserne Ding kann es nämlich noch mit jeder neumodernen Maschine aufnehmen. Sogar Sticken kann Omas Beste.

Und der Hasenmann muss sich nun von Neuem auf die Suche nach einem feinem Geburtstagsgeschenk für Frau Nebelschwaden begeben – obwohl ER mir als Geschenk ja eigentlich schon genug ist. Ich hab auch irgendwie so gar nichts mehr, was ich mir wünschen könnte. Die Nähmaschine steht ja nun schon bei uns im Gäste-Bastel- und-was-auch-immer-nur-kein-Kinderzimmer.

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2 Kommentare

Verfasst von - 11. April 2010 in Nähgeschichten

 

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2 Antworten zu “Omas Beste

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