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Geschichten aus dem Mietshaus

24 Mrz

Mein Großvater väterlicherseits, mit dem mich zugegebenermaßen nicht das innigste Band der Liebe verband, hatte über dem Eingang zum Herzstück unserer Gärtnerei (gegründet am 01.04.1871 und derzeit in 5./6. Generation – je nachdem wie man den Inhaberwechsel durch Zweitheirat meiner Uroma in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts wertet – in der Hand meines Bruders) eine Bronzetafel anbringen lassen, auf der folgendes Zitat eingraviert war:

Wenn Hass und Neider dich umringen,
dann denk an Götz von Berlichingen.

~ Quelle des Zitats unbekannt ~

Für alle diejenigen, denen sich der Sinn dieses Spruches nicht auf den ersten Blick erschließt, sei erwähnt, dass Johann Wolfgang von Goethe 1773 seinem Dramenhelden Götz von Berlichingen den inbrünstigen Ausspruch, welcher sich abkürzen lässt mit “LMAA”, in den Mund gelegt hat. Es dürfte sich damit – nebenbei bemerkt – um das wohl meistverwendete und alltagsgebräuchlichste Zitat des deutschen Dichterfürsten schlechthin handeln.

Warum ich Ihnen das erzähle?

Beginnen wir mit dem Stein des Anstoßes, von dem Sie sich hier einen eigenen Eindruck verschaffen können.

Feierabend 2

Am Anfang steht eine kleine Balkonidylle, wie es sie in Deutschland millionenfach geben dürfte.

Und nun spannen wir den Bogen zum alten Götz von Berlichingen.

Hass und Neider wohnen in der Wohnung unter uns.

Anders lässt sich der neuerliche Brief unserer Hausverwaltung nicht erklären, mit dem auf die Einhaltung der Hausordnung hingewiesen wird, in der es u.a. heißt, Balkonkästen seien an der Innenseite der Balkone anzubringen, “damit eine Belästigung durch das Begießen der Blumen für die Mitbewohner ausgeschlossen wird”.

Kein Thema! Sehen wir ein.

Was wir nicht einsehen ist die Tatsache, dass wir die Balkonkästen auch dann innen anzubringen haben, wenn durch das Begießen unserer Blumen für die Mieter unter uns gar keine Belästigung oder Beeinträchtigung  entsteht. Der Sinn und Zweck der Regelung der Hausordnung läuft in diesem Fall nämlich komplett ins Leere.

Begonnen hat die unsägliche Geschichte bereits im vergangenen Jahr (wir gehen also schon in die zweite Runde), nachdem ich durch eine Unachtsamkeit zu Beginn der Pflanzsaison EIN MAL etwas gepütschert habe – es war ein Schwubs klares Wasser, der daneben ging. Ich hab es auch nie bestritten und mich sogar entschuldigt. Unsere Nachbarn fühlten sich dadurch aber “REGELMÄSSIG BEIM BEGIESSEN der Blumen belästigt” und “das Wasser soll an der Balkonbrüstung entlang auf den Balkon der Nachbarn laufen und dabei Balkon und -tür beschmutzen.” Es folgten ein kurzer Schriftwechsel, zwei Telefonate  und ein Vor-Ort-Termin der Hausverwaltung, die kein Fehlverhalten feststellen konnte. Auch haben die lieben Nachbarn eingeräumt, dass es zu keiner weiteren Belästigung mehr gekommen sei (der entsprechende Brief wurde mir vorgelesen), aber trotzdem…

Prinzip ist eben Prinzip! (Anm. der Red.)

Auch in diesem Jahr!

Jetzt erst recht!

Jawohl!

Und so wird bereits mit Ausbringen der Frühjahrsbepflanzung, die wohlgemerkt noch keine Woche hängt (die Winterbepflanzung hat anscheinend nicht gestört), wieder die Hausverwaltung angeschrieben, die uns erneut auf die Hausordnung verweist und uns bittet, die Balkonkästen innen anzubringen. Nur am Rande und zur Vervollständigung sei bemerkt, dass ich die Kästen in diesem Jahr noch nicht ein Mal gegossen habe – die Erde war nach dem Winter nämlich noch so nass, dass sich dieses bis heute erübrigte.

Ich sag Ihnen: Das ist ein Start ins Wochenende, wie man ihn sich wünscht nach einer langen Arbeitswoche und bei den ersten Sonnenstrahlen des Jahres.

Nun ist es ja so, dass ich – wie Sie eingangs bereits geschlussfolgert haben könnten – inmitten von Blumen aufgewachsen bin und somit ohne Blumen gar nicht leben kann und durchaus weiß, wie ich sorgfältig und ohne Beeinträchtigung für unsere Mitbewohner gieße und dass es durchaus lohnenswert ist, in hochwertige Balkonkästen zu investieren, die über ein Reservoirsystem auch kleckerfrei zu befüllen sind.

Hier kratzt gerade jemand an meiner genetisch bedingten Gärtnerehre.

Es ist ja nun auch so, dass ich selbst seit Jahren in der Immoblienverwaltung tätig bin und durch den glücklichen Umstand zweier Staatsexamen in der Juristerei durchaus einschätzen kann, welche rechtliche Bedeutung dieser Bitte der Hausverwaltung mit dem Verweis auf die Einhaltung der Hausordnung zukommt. Man versucht uns durch einen derartigen Brief zu suggerieren, wir würden unseren Mieterpflichten nicht nachkommen und uns fehl verhalten.

Hier kratzt gerade jemand an meiner Berufsehre.

Und es ist sowieso so, dass der Hasenmann – wer ihn kennt, wird es uneingeschränkt unterschreiben – ein überaus korrekter Mensch ist, ruhig ist er allemal und eine Seele von Mensch sowieso und ein Nachbar und Mieter, wie ihn sich jeder Hausverwalter nur erträumen kann, obendrein.

Hier kratzt jemand an der Menschenehre meines Hasenmannes.

Wir beide sind ja durchaus verträgliche Menschen und werden es auch bleiben, aber Kratzen an unserer wie auch immer gelagerten Ehre geht gar nicht und damit schließen wir mit folgendem Zitat:

Leckt uns am Arsch!

~ frei nach Johann Wolfgang von Goethe ~

Entschuldigen Sie die harten Worte – es handelt sich um ein Zitat. Wenig damenhaft, aber absolut passend.

Die Balkonkästen bleiben hängen und zwar genau dort und so, wie sie es jetzt bereits das vierte Jahr tun – an der Außenseite des Balkons.

Basta!

Prinzipienreiterei können wir auch, auch wenn wir keinen Spaß daran haben und unsere wenige gemeinsame freie Zeit viel lieber mit den schönen Dingen des Lebens verbringen möchten.

 

Edit:

Es waren, nachdem wir ja nicht mehr gepütschert haben und man dies auch einräumte, herabfallende Blütenblätter, die im letzten Jahr Grund des Unmuts waren, weil sie den Balkon derart verschmutzen, dass Frau Nachbarin jeden Tag putzen musste.

Beim Vor-Ort-Termin bemerkte Frau Hausverwalterin beim Blick über die Balkonbrüstung auf den darunter liegenden Balkon: “Welche Blütenblätter?”

Unabhängig davon, dass das ein oder andere Blütenblatt auch dann herunter fallen kann und wird, wenn die Balkonkästen an der Innenseite angebracht werden, sieht es VOR unserem Haus in diesem Jahr SO aus …

Balonien

… es wird also  jede Menge Staub geben, wenn die Abrissarbeiten des Flachbaus erst beginnen.

Der Hasenmann arbeitet ja jetzt im Großhandel für Reinigungsmittel. Wenn man sich also mit seinem Nachbarn gut stellen würde, käme man vielleicht günstiger an die Putzmittel ran, die in diesem Jahr in rauen Mengen für die tägliche Balkonreinigung gebraucht werden.

Zu dumm aber auch!

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Ein Kommentar

Verfasst von - 24. März 2012 in Das Leben und wir, Zitate

 

Eine Antwort zu “Geschichten aus dem Mietshaus

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