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Archiv der Kategorie: Politik und Zeitgeschehen

Ausgewulfft!

Angesichts der Bilder im Fernsehen bin ich geneigt abzuschalten, wenn es denn helfen würde. Wäre ich vor Ort, würde ich dem Herren, der dort mit allen Ehren in seinen Ruhestand mit Ehrensold entlassen wird, meine Rückansicht präsentieren. Nein, nicht den Poppes – der Rücken kann viel verächtlicher wirken. Verdient hätte er es …

Ist sein Freund Maschmeyer eigentlich auch da (… wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein …)?

Schiller würde sich im Grab umdrehen!

Pfui!

Zum Glück hat das jetzt ein Ende … ausgewulfft!!!

Hoffentlich!

 

Sprachlos

.. war ich heute morgen, als ich folgende Artikelüberschrift im Hamburger Abendblatt las:

Anwalt der Opfer von Dutroux wegen Kinderpornografie in Haft

Und kurz darauf hörte ich im Radio die Meldung, dass ein Hamburger Pastor (a.D. mit 47 Jahren) wegen des Besitzes kinderpornografischer Videos einen Strafbefehl über 90 Tagessätze erhalten hat. Der Arme muß drei Monatsgehälter als Strafe an den Fiskus zahlen. Er muß weder vor ein Gericht (wenn er keinen Widerspruch gegen den Strafbefehl einlegt) und gilt offiziell als nicht vorbestraft.

Manchmal hab ich das Gefühl, die ganze Welt gerät aus den Fugen.

Und wenn ich sowas höre, dann bestätigt das immer wieder, dass meine Entscheidung vor 7 Jahren, die schwarze Robe an den Nagel zu hängen und meine Zulassung zurück zu geben, genau die richtige war.

By the way:
Ich hätte da eine Anwaltsrobe für Damen in der Größe 46 abzugeben. Hat jemand Bedarf?

 

Alles hat seine Zeit …

… und für Hamburg war es gestern gar kein guter Tag.


Tschüß Ole!

 

20 Jahre

Man mag es kaum glauben, wie schnell 20 Jahre vergehen. Ich habe so viele intensive und frische Erinnerungen aus 1989/90 in mir, dass ich glauben mag, dass alles erst gestern geschehen ist.

Ich weiß zum Beispiel noch, dass es bei uns daheim am 4. November 1989 Spinat mit Spiegelei zum Mittag gegeben hat. Es war ein Samstag. Ich kam vom Wocheninternat nach Hause. Mein damaliger Freund blieb übers Wochenende in meinem Heimatort – er absolvierte dort seine Ausbildung. Ganz nebenbei – er war nur eine halbe Stunde jünger als ich;  wir fanden das damals witzig. Meine Eltern waren in unserer kleinen Gärtnerei mitten in den Totensonntagsarbeiten – die alljährliche Arbeitshochsaison, in der es für uns Kinder keinerlei Freizeitaktivitäten gab. Sowohl mein Sport als auch der Chor, ja sogar die kirchlichen Freizeitaktivitäten hatten Pause. Zu Hause im Betrieb mussten alle mit ran (vielleicht hasse ich den November auch deshalb so sehr). Jedenfalls holte mich Guido vom Zug ab, wir gingen zu mir nach Hause. Meine Mum und ich kochten besagten Spinat mit Spiegelei, und dann saß die ganze Familie in der Küche um den Fernseher versammelt und guckte gebannt auf das, was in Berlin bei der Großkundgebung passierte.  Von dieser Kundgebung ganz besonders in Erinnerung geblieben ist mir dieses Plakat hier

egon

Wir saßen damals sehr viel vorm Fernseher und verfolgten die Ereignisse, die sich manchmal zu überschlagen schienen.

An den 9. November 1989 kann ich mich ähnlich gut erinnern. Es war ein Donnerstag – Discotag – der Tag, an dem fast alle bei uns im Internat verlängerten Ausgang beantragten. An diesem besonderen Tag aber gab es ohne für uns erfindlichen Grund plötzlich Ausgangssperre. Einige hatten das Haus noch vor Verhängung der Ausgangssperre verlassen. Sie kehrten früh zurück – total aufgelöst. Bei uns wusste ja niemand so recht, was los war. Die Mädels wurden umringt, und die Neuigkeiten, die sie mitbrachten, lösten schiere Panik bei den meisten von uns aus. Die Mädels berichteten von einer Pressekonferenz, in der verkündet wurde, dass die Grenzen geöffnet seien und jeder ungehindert das Land verlassen könne. Das gesamte Ordnerteam der Discothek sei danach abgehauen, die Disco geschlossen. Sofort wurden Radios angestellt. Alle verfolgten gebannt die Nachrichten. Und gleich brach wieder Hysterie und Panik aus. Ein bisschen glichen wir einem aufgescheuchten Hühnerhaufen. Nun muss man aber auch bedenken, dass es 1989 in der DDR noch keine Handys gab. Selbst, wenn die Familien daheim zu den wenigen gehörten, die ein Telefon hatten, waren diese für uns unerreichbar. Das aufgrund der Ausgangssperre für uns einzig erreichbare Telefon stand bei der Internatsleitung im Büro, aber ob es da nun stand oder nicht – auch dieses Telefon war für uns unerreichbar. Im Internat herrschte der Ausnahmezustand – Ausgangssperre, Telefonsperre – ein Wunder, dass wir noch Radio hören durften. Die Mädels waren panisch, hatten Angst, am Wochenende zu Hause niemanden mehr anzutreffen. Einigen war klar, dass ihre Freunde abhauen würden. Für 17jährige Mädels, die die erste Liebe erleben, sind solche Vorstellungen der blanke Horror.

Ich kann mich nicht erinnern, ob ich ähnlich panische Gedanken hatte. Wenn ich mir die Situation heute ins Gedächtnis zurück rufe, so sehe ich mich als stillen Beobachter, der nicht in der Situation drin steckt, sondern außen stehend einfach nur zusieht. Eigentlich kann ich mich gerade an ängstliche oder gar panische Situationen in meinem Leben sehr gut erinnern, so dass ich davon ausgehe, dass ich mich von der Hysterie damals nicht habe anstecken lassen. Ich meine, was hatte ich zu befürchten? Daheim war alles im Arbeitsstress, die konnten gar nicht weg. Und Guido? Vielleicht lag es außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass auch er weg sein könnte. Vielleicht hatte ich aber auch nur keine Angst, weil die Grenzen sich öffneten – es für mich also keine unerreichbaren Orte mehr gab. Ich weiß es wirklich nicht mehr, was genau an diesem Abend in mir vorgegangen ist. Wie gesagt, ich erinnere mich an die Hysterie, an die unruhige Nacht, in der niemand geschlafen hat, in der man aus dem einen Bett Getuschel und aus dem anderen Bett Schluchzen hören konnte. Die Schule am nächsten Tag jedenfalls war wie ausgestorben. Der Großteil schien noch immer auf dem Trip gen Westen zu sein. Ich weiß auch gar nicht, ob ich die Chance genutzt und daheim angerufen habe. Ich glaube es eher nicht – die Gefahr, dass jemand abhaut bestand für mich irgendwie nicht, außerdem würde ich am nächsten Tag eh wieder daheim sein. Die Gärtnerei hätte niemand aus unserer Familie im Stich gelassen.

In den folgenden Wochen war die Schule jeweils an den Sams- und Montagen halb leer. Samstags ging’s in vielen Familien bereits ab gen Westen – Freunde und Bekannte besuchen. Und montags waren die gleichen Leute nicht in der Schule, weil sie keinen Platz in den überfüllten Zügen gefunden und deswegen noch nicht wieder daheim waren. Ich habe mir in dieser Zeit angewöhnt, montags im Internat zu frühstücken. Der Essenssaal war der einzige Raum, in dem nicht von den turbulenten Wochenenden “drüben” berichtet wurde. Ich selbst konnte nicht mitreden, da ich diese Erfahrungen nicht machen konnte. Meine Wochenenden bestanden aus der Arbeit im elterlichen Betrieb. In diesem Jahr interessierte sich aber kein Mensch für die Totensonntagsgrabgestaltung – unser Absatz brach dramatisch ein. Als bis zum Totensonntag das Geschäft noch immer nicht in die Gänge gekommen war (den Leuten wurde erst zum ersten Adventswochenende bewusst, dass sie die Gräber noch nicht geschmückt hatten), beschlossen meine Eltern kurzerhand, nach Hamburg zu Verwandten zu fahren. Ganz ehrlich – DAS muss man erlebt haben. Beschreiben kann man diese Erlebnisse nicht wirklich. Die Züge glichen Viehtransporten – umfallen konnte man nicht, so eng standen die Leute. In Hamburg angekommen, eröffnete sich uns eine komplett andere Welt. Mir kam es vor, als wären wir in einem Paralleluniversum gelandet.

Aber egal – 1989/90 waren ohnehin ganz ereignis- und erinnerungsreiche Jahre für mich. Die Wende fiel genau in meine Sturm- und Drangzeit. Ich war 17. Beinahe wöchentlich wechselten meine Liebschaften – mit Guido war ich drei Monate zusammen – das war damals eine Ewigkeit.

Ich erinnere mich an die Tränen, die wir im heimischen Wohnzimmer vor dem Fernseher angesichts der Bilder aus Prag bei Genschers legendärer Ansprache, der Bilder von Leipzigs Montagsdemonstranten, die so erbarmungslos niedergeknüppelt und gehetzt wurden, der Bilder schließlich aus Berlin, als die Massen die Grenzposten stürmten, vergossen haben. Manchmal hatten wir das Gefühl, wir seien die Doofen, die das Licht in der DDR ausmachen würden.

Dirty Dancing – der Film des Jahres. Ich weiß nicht, wie oft ich den Film damals gesehen habe. In den Discotheken tanzten wir – natürlich – Mambo, Silvester feierte mein 10.-Klasse-Abschlußjahrgang das letzte Mal gemeinsam in Waßmann’s Kneipe. Wir tanzten Lambada.

Es ist in dieser Zeit so viel passiert, dass man auch rückblickend meint, gar nicht alles erfassen zu können. Einer meiner Lehrer sagte damals zu uns: “Kinder, nutzt diese Zeit. Ihr seid vogelfrei. So frei wie jetzt, wart Ihr nie und werdet Ihr auch nie wieder sein!” Der Mann hatte Recht, und wir haben die Zeit genutzt. Manchmal glaube ich, dass meine Sturm- und Drangzeit wirklich die intensivst erlebte Zeit meines Lebens war. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor, weil irgendwie jeden Tag was neuen passierte – damals, vor 20 Jahren.

Ich bin verdammt happy, dass ich diese Zeit so intensiv erlebt habe und mich an so vieles noch so gut erinnern kann und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb nicht diesen verklärten Blick auf die DDR habe. Ich bin verdammt froh, dass alles so gekommen ist, wie es gekommen ist und zurück? Niemals!

 

Das Kreuz mit der Wahl

Die Würfel sind gefallen. Deutschland wird in den hoffentlich nächsten vier Jahren schwarz-gelb regiert – nicht das schlechteste Ergebnis, wie ich finde.

Zur Bundestagswahl 2009 waren im gesamten Bundesgebiet 62,2 Millionen Menschen wahlberechtigt. Davon sind 3,5 Millionen Erstwähler; 32,2 Millionen sind Frauen; 32,3% waren am Wahltag über 60 Jahre alt; 16,4% waren unter 30 Jahre alt. In Gesamtdeutschland gab es 80.000 Wahllokale in 299 Wahlkreisen. Mit 64 hat Nordrhein-Westfalen die meisten und Bremen mit 2 die wenigsten Wahlbezirke. Die Wahlbeteiligung lag bei 72,5% – im Jahr 2005 lag sie noch bei 77,7%.

Nach einem eher schleppenden und langweiligen ruhigen Wahlkampf dachte ich, mich könnte am Wahlabend nichts mehr beunruhigen – der Ausgang der Wahl war mir im Großen und Ganzen klar (vielleicht auch nur erwünscht). Und doch gab es drei Dinge, die mich in meinen Gedanken bis heute beschäftigen und die mir gestern Abend sauer aufgestoßen sind.

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Münteferings Rückzug aus der Politik

Wenn du geschwiegen hättest . . .
Von Hellmuth Karasek

Vergangene Woche sind mir aus gegebenem Anlass und guten Gründen einige Volksweisheiten, philosophische Erkenntnisse und geflügelte Worte unabweislich eingefallen, wie lästige Fliegen summten sie in meinem Kopf.

Zum Beispiel die chinesische Weisheit, die Laotse oder Kung Fu oder Groucho Marx zugeschrieben wird und die ich in einem Glückskeks in einem China-Restaurant gefunden habe (auf der anderen Seite war ein Horoskop für einen Widder, dabei musste ich an Mehdorn denken). Die lautet:

Es ist besser,
schweigend für einen Dummkopf gehalten zu werden,
als es durch Sprechen zu beweisen.

Ich erkläre hier schon feierlich, dass, falls Sie denken, ich hätte das auf den Bundestagsvize Thierse gemünzt, mich schon im Voraus bei ihm entschuldigen möchte. Ich finde, das Wort Dummkopf wäre dann aus dem Zusammenhang gerissen. Andererseits bin ich am Ende meines Lateins, wenn ich sage: Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben oder wie der alte Römer spricht: philosophus mansisses! Philosoph, nein, so weit möchte man im Fall Thierses auch wieder nicht gehen. Obwohl die (ihm offenbar nahestehende) „Süddeutsche Zeitung“ ihn als Schöngeist bezeichnet. Der, Verzeihung, etwas zauselige Vizechefparlamentarier, schön? Das findet, vermute ich, nicht einmal seine von ihm wegen seiner politischen Verpflichtungen im Hellen zurückgelassene Gattin, selbst wenn er für sie ein Ideal ist. Oder meinte er Idol? Egal! Und Geist? Der weht bekanntlich, wo er will, und um besagten Schöngeist herrscht eigentlich meistens Windstille.

Vielleicht sollte man eher an Schiller denken. An die Kraniche des Ibykus, wo einer der Meuchler (nein, nicht Heuchler!) rief: Sieh da, sieh da, Timotheus, die Kraniche des Ibykus!, um dann selber aufzufliegen. Kaum war das Wort dem Mund entfahren, wollt‘ er’s im Busen gern bewahren! Das passt am besten, wenn man sich vor Augen hält, dass zu Schillers Zeiten der Busen noch nicht Zeichen öffentlicher sexueller Erregung, siehe Pamela Anderson, siehe auch Dienstreisen des VW-Betriebsrates, sondern auch der Körperteil des Mannes war, an dem sich Freunde bitterlich ausweinten. Hat Thierse einen solchen Freund, wenn ihm etwas entfährt, was er besser bei sich behalten würde?

Da bietet sich Müntefering an, der Thierse raten würde.

Interview geben ist Mist!
Klappe halten ist besser!
Glück auf!

~ erschienen im Hamburger Abendblatt vom 19.11.2007 ~


Der Herr Karasek war mir ja irgendwie schon immer sympathisch – jetzt gleich noch ein Ticken mehr!

 
 
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